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Der Umgang mit Ängsten in der Folgeschwangerschaft.

Ich frage mich oft, wie es sich wohl anfühlt wenn man schwanger wird, und am Ende dieser 40-wöchigen Reise ein Baby im Arm halten darf. Wie es sein mag, ohne Vorbelastung und Ängste, eine Schwangerschaft durchleben zu dürfen.

Zum jetzigen Zeitpunkt halte ich meinen 6. Mutterpass in den Händen. 

Ich habe alles durch: Fehlgeburten in der Frühschwangerschaft. 

Eine stille Geburt in der 31. Schwangerschaftswoche. Unsere Tochter heisst Charlotte und hatte hellblondes Haar.

Und einmal habe ich es bis zum U- Heft meines Sohnes Vincent geschafft. Ein Junge mit strahlenden blauen Augen, dunklen Haaren und den Gesichtszügen seines Papas. 

Der letzte Eintrag des U-Heftes: Verstorben. 

 

Nun bin ich in der 35. Schwangerschaftswoche. Im Januar erwarte ich Zwillinge und die Angst ist mein ständiger Begleiter. 

Ich habe aufgehört mich dagegen zu wehren. Es ist okay, Angst zu haben wenn man derart viele Traumata durchlebt hat. 

Trotzdem entscheidet der Umgang mit der Angst nicht unerheblich darüber wie eine Schwangerschaft verläuft und wie es einem selbst geht. Körperlich und psychisch. 

Ich arbeite täglich hart daran, meine Ängste und Dämonen im Zaum zu halten und habe mir sehr früh nach dem Tod meines Sohnes Vincent 2017 psychologische Hilfe geholt. 

Wann ist man nach einer Fehlgeburt/Totgeburt/Kindstod bereit für eine erneute Schwangerschaft?

Das zu beantworten ist fast unmöglich und so individuell zu behandeln, wie der Mensch der diese Entscheidung trifft. Als wir erneut beschlossen ein Kind zu bekommen, waren wir beide nicht wirklich bereit.

Es ist unmöglich wirklich dazu bereit zu sein, sich wieder auf eine Reise zu begeben, dessen Ausgang ungewiss ist und an deren Ende eben auch wieder eine Beerdigung stehen kann. 

Der Tod des eigenen Kindes zu überleben ist eine grosse Herausforderung. Vor allem die Seele am Leben zu erhalten ist eine harte Arbeit. Und man beginnt sich zu verändern. Meine größte Sorge bei dieser Schwangerschaft: Werde ich meinen Kindern die Mutter sein können, die sie verdienen? 

Oder werde ich eine Glucke sein, die jeden Schritt panisch überwacht und sie keine Erfahrungen machen lässt. Vincents Tod hat mich verunsichert, mir die Fähigkeit abgesprochen eine gute Mutter zu sein. Ich lebe mit dem Gedanken seinen Tod hätte verhindern können- wäre ich doch nur früher ins Krankenhaus gegangen statt 3 Tage hintereinander eine inkompetente Ärztin aufzusuchen die meine Ängste nicht ernst nahm. Was wird diese Tatsache also aus mir in der Zukunft machen?

Eine übervorsichtige Mutter? Ich möchte meinen Kindern die Möglichkeit geben sich zu entfalten, hinzufallen, eigene Entscheidungen und eigene Erfahrungen zu machen. Und ich hoffe darauf vertrauen zu können, mich im Griff zu haben.

Meine Pflicht ist es an mir mit einem Therapeuten zu arbeiten, denn mein Erbe darf nicht zu ihrem werden. 

Insofern kann ich jedem Paar nur mit auf dem Weg geben: Sucht euch Hilfe. Redet mit einem Psychologen, eurem Gynäkologen oder Arzt des Vertrauens über euren Kinderwunsch und die damit verbundenen Ängste. Ihr werdet nie mit leichtem Gepäck in eine neue Schwangerschaft starten. Aber ihr könnt von Anfang an versuchen das Gepäck auf mehrere Schultern zu verlagern. 

Wie geht man mit der Angst während der Schwangerschaft um?

Ich habe dafür kein Patentrezept. Ich kann hier nur erzählen, wie es bei uns als Familie funktioniert und trotzdem glaube ich, dass jedes Paar, jede werdende Mutter ihren Weg finden muss. 

Zu aller erst: Ich habe Angst. Ich habe meine Kinder in jedem Stadium der Schwangerschaft verloren und somit das Vertrauen in meinen Körper verloren und auch keine Grundfeste mehr. Die meisten Frauen entspannen sichtlich nach dem 3. Monat und das völlig zu Recht. Die Wahrscheinlichkeit eines unguten Schwangerschaftsverlaufes sinkt ab da immens.

Nun muss ich aber wie jede andere Frau durch 40 Wochen. Und ich bin ein Mensch, der Probleme sachlich und strukturiert angeht. 

Also habe ich meine Angst wie ein Problem behandelt. 
Ich habe mich damit auseinandergesetzt, dass ich sie wohl nicht loswerde. Aber dass ich darüber entscheide, wie ich mit ihr umgehe und welchen Raum sie in meinem Leben bekommt. Dass sie aber ein gemeines Arschloch ist, zeigt sie mir immer wieder mit extremen Panikattacken, aber auch die gehören nun mal leider zu mir. 

 

Um meine Angst in Zaum zu halten habe ich mir ein paar Grundregeln aufgestellt, an die ich mich diszipliniert halte:

Ich google keine Symptome. Ich achte auf meinen Körper und gehe bei Beschwerden zu einem Arzt. 

Ich vertraue meinem Bauchgefühl. Wenn ich das Gefühl habe, es ist etwas nicht in Ordnung, dann gehe ich dem nach.

 

Ich dulde keine Belehrungen, dummen Sprüche oder Horrorgeschichten. Ich habe mich hingesetzt und mir ein paar Sprüche und Erwiderungen überlegt, die in jeder Situation und zu jedem dummen Mitmenschen passen und lasse alles abprallen. Ein sehr großer Angstschürer sind oft unsensible Mitmenschen. Ich habe das nach Vincents Tod sehr deutlich gespürt und für mich entschieden: Nicht mehr mit mir. Wer sich schwer damit tut, die richtigen Erwiderungen zu finden, dem empfehle ich dieses Buch. Das habe ich selbst auf Herz und Nieren getestet und einiges rausziehen können. Schlagfertigkeit kann man lernen und sie ist reine Konditionierung. 

 

Ich bin mir darüber bewusst, dass es keine Garantie gibt. Ich habe nach den Fehlgeburten jede (genetische) Untersuchung machen lassen die es gibt. Formal ist alles okay. Und es wird alles unternommen, von Thrombosespritzen über engmaschige Untersuchung um meinen Kindern gesund auf die Welt zu helfen. Alles andere muss ich in Gottes Hand legen und es bringt mir leider nichts, mich jeden tag mit düsteren Gedanken auseinander zu setzen. 

Außerdem ist es eine enorme Belastung in der Schwangerschaft, wenn man sich extremem Stress aussetzt (und Angst ist Stress!). Also arbeite ich mit Yoga, Pilates und eben einem Therapeuten an der Wahrnehmung meiner Angst. Ich versuche meinen Part gut zu machen, positiv zu sein, glücklich zu sein um meinen Kindern eine stressfreie Zeit in meinem Bauch zu bescheren. Alles andere liegt nicht in meiner Hand. 

 

Ich habe aber Tage, an denen funktioniert das alles nicht. Gerade weil es bei mir gesundheitlich viele Probleme gibt (das könnt ihr hier und da nachlesen), gibt es auch Momente, in denen ich nur noch schwarz sehe. Und dann ist es gut, ein Netz an Menschen um sich zu haben, die einen auffangen. Im Vater meiner Kinder finde ich beispielsweise IMMER den richtigen Ansprechpartner. Und auch er hat Tage, an denen er von der Angst dominiert wird. Denn auch wenn man als Frau die Schwangerschaft aus der ersten reihe erlebt, sind die Emotionen der väterlichen Seite oftmals nicht weniger intensiv. Gerade weil Väter die hormonelle und körperliche Veränderung nicht miterleben, ist es oftmals schwer nachzuvollziehen, was da passiert und auch ein Verlust ist eine recht abstrakte Sache.

Vor einiger Zeit hatte ich bereits einmal über die schwierige und oftmals unterschätzte Rolle von Vätern hier geschrieben.

Wir haben uns nach dem Tod unseres Sohnes sofort für eine Paartheraphie entschieden, gerade weil Menschen individuell trauern und man sich leicht verlieren kann. Verständnis aufzubringen in einer Ausnahmesituation, fällt leichter, wenn man den anderen versteht und vorurteilsfrei zuhört. Das gelingt aber oft nicht ohne Hilfe von Aussen und wir wollten ein eventuelles Scheitern gar nicht erst ausprobieren. Denn wenn ich neben meinem Kind auch noch meinen Partner verloren hätte, wäre ein Weiterleben wahrscheinlich schier unmöglich geworden. 

 

Ich habe aufgehört mich zu vergleichen. Ich vergleiche nicht meinen Bauch oder meinen Schwangerschaftsverlauf mit anderen Frauen. Das kann nur in Unsicherheiten enden. Ich freue mich mit Freundinnen und Kolleginnen mit, wenn sie ein Baby erwarten, aber ich halte mich mit Wertungen und Vergleichen zurück. Das hilft übrigens in jeder Lebenssituation gut und schützt nicht nur vor Unzufriedenheit, sondern auch vor Ängsten, die durch Vergleiche geschürt werden. Ich sage mir also: Wenn meine Ärzte zufrieden sind und meinen Bauchumfang, mein Gewicht und das Wachstum der Zwillinge für normal befinden und auch mein Bauchgefühl sich nicht meldet, muss ich nicht auf Instagram so lange suchen, bis ich mich unsicher fühle. 

 

Ich kann also jeder werdenden Mama nur raten, sich mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen und das am besten in psychologischer oder zumindest medizinischer Begleitung. Wir müssen lernen, uns wieder zu vertrauen und das ist kein Weg, der nach 9 Monaten abgeschlossen ist. Das kann mitunter lebenslang Zeit benötigen. 

Einen ausführlichen Trauerratgeber zum Umgang mit betroffenen Eltern oder für die eigene erste Hilfe findet ihr übrigens hier. Nichts ersetzt allerdings eine individuelle fachtherapeutische Betreuung. 

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Kommentare: 4
  • #1

    Tammy (Montag, 17 Dezember 2018 19:29)

    Danke für diesen Einblick! Es ist wirklich spannend wie du damit umgehst. Ich bewundere dich sehr, aber das weißt du!

  • #2

    Franzi (Montag, 17 Dezember 2018 20:28)

    Wahnsinn, ich hab Gänsehaut am ganzen Körper. Ich bewundere dich soo sehr ❤️

  • #3

    Susanne (Montag, 17 Dezember 2018 22:07)

    Ich kann nicht in Worte fassen wie sehr ich dich bewundere. Und du bist ein so schöner Mensch.

  • #4

    Anonym (Dienstag, 18 Dezember 2018 16:40)

    Nach einer Fehlgeburt im Februar bin ich endlich wieder schwanger. Dein Artikel hat mir viel Mut gemacht und außerdem ist es etwas was man wirklich ulsetzen kann, viele Ratgeber habe ich gelesen,,:die meisten Tipps daraus sind trotzdem für die Tonne. Deine klingen logisch und ich werde sie beherzigen, alles gute für dich.