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Wenn der Alltag lebensbedrohlich erscheint- Leben mit Panikattacken.

Wie es sich anfühlt seinen Alltag mit Panikattacken bestreiten zu müssen, weiss ich seit ein paar Jahren sehr gut. Meine desaströse Gesundheit, aber auch der ein oder andere Schicksalsschlag, hatten zur Folge das mich jetzt eben eine Angststörung im Alltag begleitet. 

Und ich bin damit nicht alleine, viele Deutsche betrifft es und das Gesicht von generalisierten Angststörungen und/oder Panikattacken sind sehr individuell. Es ist eine fast unsichtbare Erkrankung, denn die Betroffenen sind vor allem Meister darin, ein gutes Gerüst zu erstellen um ihr Umfeld nicht spüren zu lassen, dass etwas im Argen liegt. 

Das ich damit nicht alleine bin, zeigt Justina (auf Instagram findet ihr sie übrigens -> hier). Sie erzählt heute von ihrem nunmehr 15- jährigen Kampf mit einer generalisierten Angststörung. 

 

Das Leben mit einer Angststörung ist gewiss alles andere als einfach. Ich bin 30 Jahre jung und leide seit ca. 15 Jahren an einer Agoraphobie mit Panikstörung. Mein halbes Leben begleitet mich meine Angststörung nun schon. Im Grunde lässt es sich ganz einfach erklären. Ich bekomme in Situationen Schwierigkeiten, in denen ich das Gefühl habe nicht sofort flüchten zu können. Das können simpelste Dinge wie das Einkaufen in einem Supermarkt, der Besuch eines Arztes (Wartezimmer) oder eine Unternehmung mit Familie/Freunden sein. Mein Gehirn kann sich vorab wunderbare Szenarien ausmalen was alles passieren könnte, so dass ich es manchmal nicht schaffe, die reale Situation überhaupt noch aufzusuchen. Die Furcht ist oft unrealistisch und vor allem nicht logisch begründbar. Genau das ist für mich das schwierigste. Ich weiß rational, dass mein Körper gerade übertrieben reagiert und kann es jedoch kaum beeinflussen. Das kann mir an schlechten Tagen richtig Angst machen, da es für mich ein Kontrollverlust ist. Zu den Angstgedanken gibt es on Top eine Vielzahl an körperlichen Symptomen, die bei Angstpatienten unterschiedlich sein können. Bei mir sind es i.d.R. Herzrasen, Zittern, Übelkeit, Geruchsempfindlichkeit, Kribbeln im gesamten Körper, Fluchtimpuls, teilweise unscharfes Sehen, schwitzen, frieren.

Bei manchen gibt es ein konkretes Ereignis, was die Angststörung auslöst. Bei mir gab es das nicht. Es war vielmehr ein schleichender Prozess. Über Jahre hinweg hat sich die Agoraphobie ganz langsam in mein Leben geschlichen. Das gelang ihr teilweise sogar unbemerkt. Kleines Beispiel gefällig?  Mit der Zeit konnte ich nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Mir wurde immer wieder schlecht, hatte Angst mich in der Öffentlichkeit übergeben zu müssen. Da ich einen Führerschein besaß, war das nicht so dramatisch für mich. Fahre ich halt nicht mehr mit den Öffentlichen. Wieder hatte sich die Agoraphobie einen kleinen Teil meines Lebens geschnappt. Bis heute kann ich nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. 

Während meines Studiums wurde es schlimmer. Vor Prüfungen habe ich Tage zuvor angefangen mich zu übergeben, hatte Herzrasen und musste Beruhigungsmittel nehmen. Klare Diagnose von Prüfungsangst – hieß es. Ich suchte meine erste Psychotherapeutin auf. Der Fragebogen zeigte bereits einige Auffälligkeiten, dass da etwas ist. Verdacht auf Angststörung. Leider hatte die Therapeutin einen anderen Therapieschwerpunkt und konnte mich nicht behandeln. Ich machte einen Termin bei einer anderen Ärztin. Das tückische war, das es mir in der langen Wartezeit auf ein Erstgespräch wieder relativ gut ging. Ich habe es dann nicht weiterverfolgt. 

Für mich rückblickend eine Erkenntnis. Meine Agoraphobie verläuft nämlich gern in Wellen. Mal geht es mir gut, dann geht über Jahre hinweg wieder nur sehr wenig. 2011 hatte ich meinen persönlichen Tiefpunkt erreicht. Ich konnte kaum noch das Haus verlassen, denn einfach alles machte mir Angst. Ein „normales“ Leben gab es für mich nicht mehr. Einkaufen im Supermarkt, an der Schlange vor der Kasse stehen, meine Familie besuchen, Freunde treffen…alles unmöglich. Es ging einfach nichts mehr. Die beste Entscheidung meines Lebens: Ich bin in eine Tagesklinik gegangen. Dort habe ich gelernt meine Erkrankung zu verstehen und seither ist ein Entwicklungsprozess in mir zugange. Nach 4 Jahren Therapie ging es mir sogar so gut, dass ich nach Ägypten in den Urlaub fliegen konnte. Für mich bis heute unfassbar. Soweit weg von Zuhause. Was hätte mir nicht alles passieren können?! Anfang 2017 hat die Welle dann wieder zugeschlagen und ich musste fast wieder bei Null beginnen. Seither teile ich meinen Weg auf Instagram. Ich begann erneut das Einkaufen im Supermarkt zu üben, in der Schlange zu stehen, ein Einkaufscenter zu betreten, in ein Restaurant zu gehen, Spaziergänge zu unternehmen, u.v.m. 

Bis heute kämpfe ich jeden Tag für mein Leben. Ich kann im Moment vieles nicht, aber auch das ist etwas, was mich meine Agoraphobie gelehrt hat. Nämlich liebevoll und achtsam mit mir selbst zu sein. Denn genau das ist die Message hinter der Erkrankung. Mein Körper will mich mit meiner Angststörung nicht bestrafen. Er sendet mir Zeichen, wenn ich ein Leben führe, was mir nicht guttut. Er macht mich darauf aufmerksam, dass ich in alte Muster zurückfalle. Er meldet sich, wenn ich zu perfektionistisch bin oder nicht für genügend Ausgleich zwischen Job und Freizeit sorge. Und genau das ist es, was mir eine Herzensbotschaft ist. Ja, ich habe diverse Einschränkungen und sicher ist es für viele unvorstellbar, wie ich es in einem solchen Leben aushalte. Aber ich kann sagen, dass ich dankbar bin. Dankbar, dass mein Körper so gut auf mich aufpasst und mir die Möglichkeit gegeben hat, meine Persönlichkeit bereits in frühen Jahren so stark zu entwickeln. Dank der Agoraphobie musste ich mich sehr viel mit mir selbst auseinandersetzen. Was sind meine Werte? Was macht mich aus? Was erfüllt mich? … Das sind Fragen, die sich viele von uns nicht in solch jungen Jahren stellen. 

Ich möchte anderen Betroffenen Mut machen, die vielleicht gerade kein Licht am Ende des Tunnels sehen. Es wird wieder welches geben. 

Und ich bin mir sicher, dass ich bald wieder auf meiner Welle ganz oben surfen werde und meine Einschränkungen weniger werden, denn eins habe ich gelernt - Ich bin eine Kämpferin. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Gitta (Samstag, 08 Dezember 2018 01:29)

    Ich leide seit mehr als 30 Jahren an Depressionen und Panikattacken.. Drüber sprechen kann ich leider mit kaum jemanden. Es ist gut wenn psychische Erkrankungen mehr zum Thema werden.