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Krankenschwester: Beruf oder Berufung

Franziska ist Krankenschwester. Zur Zeit in Teilzeit, weil sie ganz nebenbei noch Vollzeit Mama ist. Sie liebt ihren Beruf. Sie ist sich bewusst das sie viel zu hart arbeitet für viel zu wenig Geld. Das sie gesellschaftlich kaum Anerkennung für ihren verantwortungsvollen Job bekommt. Denn was machen denn Schwestern schon...?

Hier erzählt sie ein bisschen was. Über ihren Krankenhausalltag. Die Verantwortung. Und die Bürokratie. 

Wer Lust auf mehr hat, findet Franzi auf Instagram hier und kann so einen kleinen Einblick nehmen an ihrem Alltag zwischen Schwesternkittel und Babybrei. 

Für mich ist sie übrigens eine Heldin. Eine Alltagsheldin. 

 

Du arbeitest 11 Tage am Stück.

Wochenenden, Feiertage, Nächte.

Die Bedingungen werden stetig schwieriger, die Wertschätzung der Mitmenschen ist gering die, man sieht uns als Dienstleister...

Die Wahrheit ist, für diesen Beruf muss man gemacht sein und ihn lieben.

Die Ausbildung ist anspruchsvoll, die Arbeit als Examinierte genauso.

Der Stationsalltag ist fordernd, belastend und anstrengend...

Aber auch witzig, bereichernd und dankbar, das macht meine Arbeit als Krankenschwester aus..

Und sie war es bis jetzt jede Sekunde wert.

Dokumentation eines Nachtdienstes

Was macht ihr da nachts grossartig? Die schlafen doch alle..

21:00: Ich habe meine Übergabe, 2 zu betreuende Patienten. Einer spontan, der andere beatmet und im septischen Vollbild 

22:30: die Runde mit Medi Gabe etc ist beendet, Pat.1 ist eingestuhlt, Waschung und Betten nötig

22:59: Pat 2 fällt mit der Sättigung... Narkose adäquat angepasst plus Schleim abgesaugt

Insgesamt verschlechtert er sich klinisch

23:40 Eine Aufnahme ist angekündigt 

23:50 Pat1 ist wieder eingestuhlt und durchgängig. Wieder muss ich ihn betten und waschen

00:00 Ich beginne mit der Runde bevor meine Aufnahme kommt. Lagern, Mundpflege, Medikamente 

00:45 In desolatem Zustand kommt der Zugang aus der ZNA. Wir müssen intubieren, er wird reanimationspflichtig, wir sind 2 Stunden mit ihm beschäftigt. In der Zwischenzeit hat sich Pat 1 die Arterie gezogen, alles ist voller Blut, er brüllt und versucht über die Bettgitter zu steigen. 2:30 Pat 1 wieder komplett gebettet, leicht sediert, Bilanz gemacht. Pat 2 verschlechtert sich weiter, blutet fraglich und braucht ein CT. Pat 3, der Zugang, ist soweit stabil

Für den CT Transport kommt der 1. Dienst aus der Anästhesie, mein Stationsarzt ist allein mit 11 Patienten

4:30 Ohne meine Runde gemacht zu haben bin ich mit dem beatmeten Pat. zurück, er wird operiert werden, bestätigte Blutung

5:30 Pat 2 ist im OP, Pat 1 wiederholt renitent und eingestuhlt

Ich bette frisch und hole die Medikamenten und Lagerungsrunde nach

5:50 Pat 3 wird wiederholt asystol, wir reanimieren erneut

6:20 Ich übergebe meine Patienten

6:40 Ich bin in der Umkleide

"Wenn du denkst es sei nur ein Job, der sich aufs Waschen und Arsch abwischen beschränkt."

Vielleicht wirst du statt Fett, Propofol anhängen, weil es genauso aussieht und die Basis die gleiche ist.

Vielleicht wirst du den Kalium Perfusor bei einem Dialyse Patienten starten, weil die BGA dir den Normwert im unteren Bereich anzeigt und du die Auswirkung auf seine Grunderkrankung nicht erkennst.

Vielleicht wirst du übersehen das sich eine Easy Flow Drainage in kurzer Zeit mit frischem Blut füllt.

Vielleicht verwechselst du Tracutil mit Atracurium und bringst deinen Patienten damit um

Oder du erkennst den Zusammenhang von niedrigem Blutdruck und hoher Herzfrequenz nach einer Operation nicht und versuchst den Patienten zu beruhigen. Vielleicht ist er aufgeregt

Eventuell denkst du dein Patient schnarcht, obwohl er einen Stridor hat... immerhin ist er alt..

Die Rückenschmerzen, die das Aortenaneurysma hat, der am nächsten Tag operiert werden soll... vielleicht verspannt. 

Er wird dir verbluten.

Die eisigen Füsse des Gefässpatienten... na ja.. es ist kalt draussen..

Er wird das Bein verlieren.

Dein Patient der seinen linken Arm nicht bewegen kann.. hast du seine Pupillen kontrolliert?

Er wird ein bettlägriger Pflegefall werden

Achtest du darauf in welches Zimmer dein Stationsarzt geht, wenn er eine Blutkonserve anhängt?

War's das richtige?

Hast du die Laparatomie Wunde gesehen, das sie klafft?

Du denkst dir nichts dabei das der operierte Unterschenkel stark angeschwollen ist

Kompartment Syndrom gab's irgendwann mal im Unterricht. 

Sah der Stuhlgang des Patienten, der viele Schmerzmittel nimmt nicht merkwürdig dunkel aus?

Vielleicht hast du wenig geschlafen und bei der Patientin, die über Bauchschmerzen und Übelkeit klagt nicht den brettharten Bauch bemerkt.

Ja.

Das kann dir alles passieren, wenn du denkst es sei nur ein Job, der sich aufs Waschen und Arsch abwischen beschränkt.

Viel Glück dabei.

Für dich und die, die dir anvertraut sind.

Bürokratismus versus Menschenleben.

Ein Münchner Rentner erleidet einen Schlaganfall. Bis ihn eine Klinik aufnimmt, vergehen Stunden. Zwei Tage nach der Odyssee durch München stirbt der Senior.Circa 7.30 Uhr: Karl Meier (Name geändert) bricht daheim in Sendling am Frühstücks­tisch bewusstlos zusammen. Seine Familie alarmiert den Notarzt. „Wir haben darum gebeten, ihn ins Uniklinikum Großhadern zu fahren.“ Es besitzt als sogenanntes „Krankenhaus der Maximalversorgung“ alle Behandlungsmöglichkeiten.

Circa 8.15 Uhr: Die Leitstelle informiert den Notarzt, dass in Großhadern kein Platz frei ist. Sie weist ihn an, den Patienten stattdessen ins Krankenhaus der Barmherzigen Brüder zu bringen. „Das verfügt aber nicht über eine Stroke Unit“, weiß Michaela Ferling. Das ist eine spezialisierte Schlaganfall-Ambulanz, die in der Regel bevorzugt vom Rettungsdienst angesteuert wird. Hintergrund: Nach einem Schlaganfall bleiben maximal viereinhalb Stunden, um verschlossene Blutgefäße wieder zu öffnen. Danach ist das betroffene Hirngewebe meist nicht mehr zu retten.

Circa 9 Uhr: Die Ärzte im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder bestätigen die Verdachtsdiagnose. Sie empfehlen, den Schlaganfall mit einem speziellen Katheterverfahren zu behandeln. Dabei wird ein dünnes Kunststoffschläuchchen durch die Leiste bis ins Gehirn vorgeschoben, um den Blutpfropf mit einer Art Drahtkörbchen aus der betroffenen Schlagader zu ziehen.Doch dieses Verfahren steht bei den Barmherzigen Brüdern nicht zur Verfügung. Deshalb wird Karl Meier ins Uniklinikum rechts der Isar verlegt.Circa 11.30 Uhr: Im Uniklinikum rechts der Isar wird der geplante Eingriff durchgeführt und der Patient zunächst auch weiterbehandelt. Über Nacht bleiben darf er allerdings nicht - kein Intensivbett ist frei! Man will den Patienten stattdessen zurück zu den Barmherzigen Brüdern verlegen, aber seine Familie protestiert und telefoniert selbst andere Krankenhäuser ab

Am Ende werden sie im Klinikum Harlaching fündig. 17:30: Die Harlachinger nehmen Karl Meier auf obwohl die Chancen den Patienten zu retten schlecht stehen

Die Familie entscheidet später die lebensverlängernden Massnahmen einzustellen.

 

Wie verdient ein Krankenhaus Geld?

DRG's.. ein Klassifikationssystem für ein pauschaliertes Abrechnungsverfahren, mit dem Krankenhausfälle (Patienten) anhand von medizinischen Daten Fallgruppen zugeordnet werden. Zur Fallgruppenbestimmung werden methodische Ähnlichkeiten, die sogenannten Leistungsbezeichner herangezogen. Dies sind etwa Haupt- und Nebendiagnosen, Prozedurenkodes oder demographische Variablen.

Auf deutsch: Die Gallen OP darf 3 Tage bleiben. Für 3 Tage gibt's Geld.

Die Port Anlage darf 1 Tag bleiben. Für den gibt's Geld. Wenn die Galle allerdings 87 ist, im KH eine Lungenembolie kriegt und deswegen 4 Wochen auf der Intensivstation zubringt.... Kein Geld mehr. Dann legen die Kliniken drauf. 

Und was soll ich euch sagen. Sie sind meistens 70, 85 , oder 92...

Und das beinhaltet Vorerkrankungen, Komplikationen...

Das tolle DRG System, das den Patienten von 1-100 klassifiziert und gleich stellt 

Merkt ihr was?

Ich schon.

Ja und dann gibt es noch Privatpatienten... Die sind, je nach Vertrag auch für den Professor bzw. Chefarzt sehr interessant, es sei denn das Haus ist privatisiert...

Und was passiert wenn die Klinik aufgrund ihrer Fallpauschale Miese macht? Sie fängt an zu sparen. Wo spart man als erstes? Am Personal.

Das ist der schöne Rattenschwanz, den irgendwie kein Gesundheitsminister sieht..

Gestern als im Bundestag über die ambulante Versorgung debattiert wurde... wisst ihr wie leer es da war??!

Armselig.

Aber gut.

Wer kann Patienten das Misstrauen verdenken, wenn es um den Versicherungsstatus und damit verbundenen Gewinn geht?

Operation nötig, ja oder nein?

Und ich bin mir sicher, das sich jeder Niedergelassene 2 mal überlegt Kassenpatienten zu behandeln wenn das Budget so gedeckelt bleibt... Und in Berlin wundert man sich, das auf dem Land keiner mehr Bock auf Allgemeinmedizin hat... Neben täglichen Hausbesuchen, doppelt und dreifach belegten Terminen einfach am Ende des Quartals noch drauflegen müssen... Die Praxen sind eigentlich auf die Privat Patienten angewiesen..

Lobbyismus?

Ach wo...

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Kommentare: 4
  • #1

    Hilke (Freitag, 05 Oktober 2018 18:01)

    Danke für den interessanten Bericht. Ich bin Altenpflegerin und kann vieles gut nachempfinden. Trotz aller Widrigkeiten würde ich nicht tauschen wollen. Schön das es Menschen wie Franzi gibt.

  • #2

    Rita (Freitag, 05 Oktober 2018 21:25)

    Franziska ist eine richtige Heldin! Was sie täglich leistet, genauso wie alle anderen Jungs und Mädels in Pflegeberufen ist unglaublich. Danke das es euch gibt!

  • #3

    Susi (Samstag, 06 Oktober 2018 09:32)

    Ich bin gerade echt beeindruckt von den Bericht. Mir war schon klar das hart gearbeitet wird im Krankenhaus. Trotzdem macht erst ein solcher Perspektivwechsel richtig darauf aufmerksam

  • #4

    Michaela (Montag, 08 Oktober 2018 10:19)

    Ein sehr interessanter Einblick!