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Was wir von Oma lernen können.

Oma über Freundschaften...

Ihr seid ständig damit beschäftigt alles zu optimieren. Euren Körper, Eure Jobs, Eure Finanzen... Ihr seid unfähig geworden den Moment zu leben weil ihr stattdessen lieber auf Eure Bildschirme starrt und das eigene Leben mit denen der anderen vergleicht. In meiner Zeit gab es das nicht. Wir haben einander aufmerksam zugehört, wir haben anhand der Mimik und Gestik unsere Gegenübers herausgefunden ob etwas im Argen liegt und wir waren für den anderen da. Ihr schreibt stattdessen "Meld dich wenn was ist" oder "Ich bin für dich da." Das tut ihr zwischen Mittagspause und Geschäftsessen und hofft insgeheim das der andere "irgendwie klarkommt". Denn für alles andere hättet ihr jetzt keine Zeit. Eure Leben sind so vollgepackt mit Terminen und Möglichkeiten und trotzdem seht ihr Eure Freunde so wenig wie noch nie. Ich würde euch raten wieder ein wenig öfter spontan zu sein und nicht alles auf "bald" zu verschieben. Eure Generation neigt dazu sich unsterblich zu fühlen, bis irgendwann die Einsicht kommt das man die wirklich wichtigen Dinge verpasst hat. Wie konnte man nicht mitbekommen das die Freundin in eine Depression abgerutscht ist oder der Bruder schon lange unglücklich in seiner Ehe ist? Ist habt euch doch immer geschrieben. Ihr ward doch füreinander da. Denkt ihr. Aber ihr solltet viel öfter miteinander essen gehen telefonieren und Spaziergänge unternehmen. Eurem Gegenüber zuhören. Dabei würde euch auffallen das die Worte oft nicht zur Färbung der Stimme oder der Mimik des Anderen passen. Ihr könntet eingreifen und ihr würdet keine schlechten Gefühle im Nachhinein haben. Überhaupt: Ihr hat ständig ein schlechtes Gewissen, weil ihr euch wieder nicht bei XY gemeldet habt. Früher hatte man eine Handvoll Freunde. Heute ist es eine Armee an Facebookfreundschaften und losen Bekannten die alle darauf warten das man mal "Kaffee trinken" geht. Worte die irgendwann ausgesprochen werden und von denen ihr hofft das sie nicht eingelöst werden. Ihr versuchte euch in jedem Bereich eures Leben etwas offen zu halten. Das funktioniert selten und führt zu Stress und Unzufriedenheit. 

Oma über Selbstfürsorge

Ihr lebt in einer Zeit in der euch alle Möglichkeiten offen stehen. Ihr tut alles dafür schön und attraktiv zu sein und ihr lebt in einem permanenten Wettkampf mit euren Social Media Kram und den perfekten Körpern die euch da präsentiert werden. Ihr glaubt das man aussehen muss wie auf euren Apps um genug zu sein für das Jahr 2018. Dabei werdet ihr immer unzufriedener weil ein Trend dem Nächsten jagt und ihr nie allen Anforderungen gerecht werden könnt. Ihr habt nämlich grosse Anforderungen an euch und euer Leben. Selbst an eure Wohnung und euer Haustier. Alles muss perfekt sein und jederzeit auf einer App hochgeladen werden. Wir haben uns damals weniger mit uns beschäftigt und in der Regel hatten wir ein gutes Gefühl für unseren Körper. Es war nicht in Mode über Achtsamkeit zu reden und Yoga zu machen. Aber wir haben öfter mal ein Stück Kuchen gegessen ohne es zu fotografieren sondern weil er so gut schmeckte und leckeres Essen die Seele streichelt. Ich würde mir für euch wünschen das ihr mehr im Hier und Jetzt lebt.

Ich weiss, die Anforderungen die das moderne Leben an euch stellt sind enorm und gerade im Berufsleben habt ihr oft kaum eine Wahl: Wenn ihr es nicht macht, dann wartet da draussen sicher jemand der es tut. Jeder ist austauschbar. Umso wichtiger wäre es, das ihr euer Privatleben nicht auch zu einem Wettkampf macht und ein wenig mehr Zeit darin investiert euch etwas gutes zu tun. Auch wenn alles effizient sein muss und es kaum einer mehr zugeben mag, dass er nicht bereits bei Morgengrauen durch die moderne Großstadt gejoggt ist: Ausschlafen, einmal in den Tag reinleben und nichts planen, dass würde euch und euren gestressten Seelen gut tun. 

Und denkt immer daran: Glücklich ist nicht der, der von allem das Beste hat. Sondern der, der aus allem das beste macht. 

Oma über die liebe

Auch die Liebe muss heute effizient sein. Ihr möchtet das alles perfekt ist. Auch die Liebe. Aber Liebe ist niemals perfekt und eine Beziehung nach der ersten Verliebtheit vor allem Arbeit und stetige Mühen. Natürlich ist es toll das man heute nicht mehr beieinander bleiben muss, wenn eine Ehe am Ende ist und man nicht sein Leben in einer unglücklichen Beziehung vertut. Aber ihr neigt dazu zu schnell aufzugeben. Ihr seid es nicht gewöhnt für etwas beharrlich zu kämpfen und an einer Liebe zu arbeiten weil ihr Idealen hinterverhetzt die mit Liebe und Beständigkeit nichts zu tun haben. Ich würde mir für euch wünschen, dass ihr einander Zeit und Liebe schenkt wenn es nicht gut läuft statt zu resignieren und eure Dating App zu reaktivieren. Ich war bis zum Tod meines Mannes mehr als 50 Jahre mit ihm zusammen. Es war nicht immer einfach und wir hatten öfter schwere Zeiten. Aber es war eines immer worauf ich mich verlassen konnte: Das er da war. Nie wäre uns in den Sinn gekommen uns zu trennen. Viel mehr haben wir unsere Kraft darauf verwendet die Wiedernisse aus dem Weg zu räumen. Ich würde mir für euch wünschen, dass ihr an die Liebe glaubt. Echte Liebe die über Jahrzehnte besteht ist sicher nicht glamourös und hat mit Perfektion wenig zu tun. Alltag überwiegt weit vor der Romantik und schwere Zeiten werden immer wieder die leichten Momente ablösen. Aber es lohnt sich an einem Menschen zu glauben und gemeinsam an einer Zukunft zu arbeiten in die man sich im Alter betten kann. 

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Kommentare: 4
  • #1

    Anne (Freitag, 21 September 2018 22:23)

    Leider erkenne ich mich in jedem Wort deiner Oma wieder. Ich werd versuchen mir die Ratschläge von ihr zu Herzen zu nehmen!

  • #2

    Claudia (Freitag, 21 September 2018 23:02)

    Ein schöner Text! Deine Oma hat so recht! �

  • #3

    Sonja (Samstag, 22 September 2018 00:30)

    Großartig! Deine Oma hat mit allem Recht. Alte Leute sind ein wunderbarer Spiegel der Gesellschaft.

  • #4

    Elisa (Sonntag, 23 September 2018 00:01)

    Ich warte jede Woche gespannt auf „Ehrlich nachgefragt“ Mein Highlight bevor es ins Wochenende geht.