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Wenn nach der Geburt die Traurigkeit grundlos Einzug hält: Von Wochenbettdepression und Schuldgefühlen.

Daya ist für mich der Inbegriff einer Spasskanone. Immer gut drauf, traumhaft schön und Mama eines kleinen Jungen. Wenn man ihre Texte auf Instagram als muttimachmal liest, kommt man nicht umhin sich regelmässig zu amüsieren. Aber man kann sich auch gut mit ihr identifizieren. Denn sie ist ehrlich und herrlich authentisch. Dazu gehört auch, sich nicht zu fein zu sein um sich als Mombie (Mom + Zombie) in den Storys zu präsentieren. Oder wie sie hektisch in 45 min die ganze Wohnung putzt weil gleich die Schwiegermutter kommt, aber Planung einfach nicht ihr Ding ist. Ihre kleine Familie ist Dayas grosses Glück und der kleine Henry (bald 1) ein heiss ersehntes Wunschkind. Während die Schwangerschaft voller Glück und Sehnsucht auf die Zeit zu dritt verstrich, gestaltete sich die Zeit nach der Entbindung für Daya zu einem echten Trauma. Sie litt unter Wochenbettdepressionen. Und ich freue mich sehr darüber, das sie den Mut hat, darüber zu sprechen. Ich hoffe, es gelingt damit anderen Frauen Mut zu machen die ähnliches empfinden oder in ihrem Bekanntenkreis erleben.

Welchen Tipp würdest du jeder Schwangeren geben, in Bezug auf die Vorbereitung des Wochenbettes?

Gönnt euch Ruhe – physisch und psychisch. Eine Schwangerschaft, die Geburt und dann endlich ein Kind in den Armen zu halten. Das ist ein körperlicher und emotionaler Ausnahmezustand. Alles braucht Zeit sich auf die neue Situation umzustellen. Für mich war es sehr hilfreich, dass ich von Anfang an klar kommuniziert habe, dass es sein könnte, dass ich keinen Besuch wünsche. Alle „Besuchsanfragen“ liefen in der Anfangszeit über meinen Mann. Damit ich Ruhe vor dem andauerndem Telefon klingeln hatte und ja… um ihn vorschieben zu können Besuch abzulehnen, wenn ich fürchtete, mir würde alles zu viel. 

Auch fand ich es wichtig vorher abzuklären, wer für Essen und Haushalt im Wochenbett zuständig ist. Im Wochenbett sollte man sich nicht damit herum schlagen müssen auch noch DAS auf die Reihe bekommen zu wollen. Mein Mann und meine Mutter haben das komplett übernommen und eine liebe Freundin kam ab und an zum Staubsaugen vorbei. 

Und ganz banal aber mein Lebensretter: Besorgt euch diese unsexy aber mega dehnbaren Klinkunterhöschen in Massen! Ihr werdet mir später dafür danken.

 

Hältst du das Thema Wochenbett für unterschätzt?

Ich habe es definitiv unterschätzt. Ich dachte, ich würde nach drei Tagen fit. überglücklich und aus dem Ei gepellt mit meinem Kind Stundenlang spazieren gehen. Das Bild, dass ich vorher vom Wochenbett hatte war rosarot und voller kuscheln, Herzen die nur so vor Liebe überlaufen. Eine perfekte kleine Blase, die mich, das Kind und das Bett umgeben sollte. Die Realität sah da anders aus. Grundsätzlich wird sehr wenig über die harten Tage und Probleme bei Schwangerschaft/Geburt/Mutterschaft gesprochen. Weil es immer noch ein Tabuthema ist, wenn Frauen aus irgendeinem Grund unglücklich sind, mit etwas, dass die Gesellschaft der Rolle als Frau und Mutter zuschreibt. 

 

Wie äußert sich eine Wochenbettdepression?

Es gibt eine Vielzahl von Symptomen. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass es im Gegensatz zum Babyblues nicht nur die ersten Tage nach der Geburt betrifft, in denen man mit dem Hormonabfall zu kämpfen hat… sondern länger andauert und im ersten Jahr nach der Entbindung eintreten kann. Auch zu einem späteren Zeitpunkt. Ich möchte aber nur für mich selbst sprechen. Ich hatte vor allem mit starken Versagensängsten, Überforderung und Erschöpfung zu kämpfen. Ich fand einfach nicht in die Mutterrolle hinein. Ich fühlte dieses überwältigende Mutterglück nicht, von dem alle sprachen. Von dem alle erwarteten, dass ich es spürte. Das schlechte Gewissen war quälend. Ich machte mir schreckliche Vorwürfe, dass Kind nicht so zu lieben, wie ich es sollte. Ich schämte mich unheimlich dafür und hatte das Gefühl schon ganz am Anfang als Mutter komplett versagt zu haben.

Wie bist du damit umgegangen?

Ich habe es leider eine Zeit lang für mich behalten. Auf Besuch habe ich verzichtet, damit ich Sätzen wie „Du musst ja überglücklich sein!“ – „Das ist doch das wunderbarste der Welt!“ umgehen konnte. Ich hätte nur mit einem Schulterzucken antworten können. 

Ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht zu sagen, dass ich nicht überglücklich bin. Dass ich jede Sekunde davon überzeugt war, alles falsch zu machen und eine schlechte Mutter zu sein. Dabei hatte ich 2.5 Jahre gebraucht endlich schwanger zu werden und habe mich so so so so sehr gefreut. Meine Hebamme sprach mich dann ganz direkt auf mein Befinden an, da sie mir anmerkte, dass ich kämpfte. Es platzte nur so aus mir heraus und ich gestand ihr zum ersten Mal unter Tränen, wie es mir ging. Wir hatten ein wunderbares, offenes Gespräch, in welches wir auch meinen Mann einbanden. Sie sagte mir, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Alles wäre in Ordnung. Es ginge mehreren Frauen so. Sie empfahl mir Globolis, die mir tatsächlich gut halfen und briefte meinen Mann, worauf er achten solle, um Hilfe zu holen, sollte mein Befinden sich verschlechtern. Gott sei Dank war das nicht mehr notwendig.

 

Welche Erfahrungen hast du in deinem privaten Umfeld mit dem Thema Wochenbettdepression gehabt?

Bis heute habe ich nur mit meinem Mann darüber gesprochen. Tatsächlich blieb ich in meinem Umfeld weiter still, aus Angst missverstanden zu werden. Das ist das erste Mal, dass ich darüber in der Form spreche… und ich habe dabei einen spürbaren Kloß im Hals. Auch wenn ich weiß, dass es vorbei und das große Glück endlich da ist. Die ganzen ekligen Gefühle werden schnell wieder spürbar, wenn ich mich mit dieser Zeit beschäftige.

 

Hast du das Gefühl gehabt, gut versorgt worden zu sein, nach der Geburt?

Dennoch: Ja! Auf jeden Fall. Meine Familie unterstützte mich unglaublich gut und meine Nachsorgehebamme sah ich mehrmals wöchentlich. Hätte ich mich eher geöffnet, hätte mir gezielter und schneller geholfen werden können. Davon bin ich überzeugt.

 

Welchen Tipp würdest du Mamas geben, die merken, dass sich eine unerklärliche Traurigkeit einschleicht?

Glaubt daran, dass es ok ist und es sich ändern wird. Es wird sich ändern! Wisst, dass es anderen auch so geht und ihr nicht verrückt oder schlecht seid. Vergesst nicht, dass ihr euch niemals schämen müsst. Und sprecht darüber. Unbedingt!


Was sind die Empfindungen, die du jetzt hast, wenn du an dein Wochenbett zurückdenkst?

Ich habe wenige klare Erinnerungen an die Zeit, weil sie im Sumpf der ganzen Emotionen verschwimmen. Es war hart. Es war aber auch besonders. Ich sehe das Wochenbett mittlerweile als große Übergangsphase. Ein Übergang vom alten Leben zum Muttersein. Eine Phase der Veränderung und des Umbruchs. Und sowas geht selten schmerzlos. Ich kann es annehmen als Kampf, den ich führen musste, um die Mama zu werden, die ich heute bin. Die Mama, die mein Kind braucht.

 

Hast du dich für deine Gefühle geschämt?

Oh ja. Definitiv. Schliesslich erwartet man ja auch selbst das große Glück. Ich fühlte mich einfach nur falsch. „Das ist nicht richtig! Du solltest glücklich sein! Was ist nur verkehrt mit dir?“ 

Hattest du jemals das Gefühl, dass du deinem Kind eine schlechte Mutter bist, weil du dich „anders“ fühltest, als du hättest „sollen“

Ich dachte nicht, dass ich eine schlechte Mutter bin. Ich dachte vielmehr, dass ich überhaupt keine Mutter bin.

 

Was würdest du dir wünschen, im Umgang unter Müttern?

Liebe und Support. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Wir haben alle ähnliche Probleme. Wir kennen die unfassbaren Emotionen, die einen überrollen. Die, die man nur kennt, wenn man selbst Mutter wird. Wir kennen die Höhen und Tiefen, die harten Tage, die Sorgen, die Ängste, die Müdigkeit. Wie schwer es ist den eigenen Anforderungen gerecht zu werden, den Druck den man sich macht, den Druck, den Andere einem machen. Wir sollten uns nicht noch gegenseitig das Leben schwer machen, in dem zusätzlich mit dem Finger aufeinander zeigen und über einander urteilen. Wir sollten uns gegenseitig unterstützen – und wenn es nur ein verständnisvolles Lächeln ist, wenn man sich müde und ungeduscht, mit fleckigem Shirt, vorm Windelregal im Drogeriemarkt begegnet. Wir sollten miteinander reden. Wir sollten vor allem einander akzeptieren, wie wir sind. Nämlich ganz unterschiedlich und ganz wunderbar.

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Kommentare: 3
  • #1

    Sandra (Freitag, 14 September 2018 11:14)

    Ich habe mich total wiedererkannt. Leider auch in denn Schweigen über die Depression. Hätte ich früher den Mut gehabt mir einzugestehen, dass etwas nicht stimmt... dann müsste ich heute nicht Anti-Depressivs nehmen.

  • #2

    Rita (Freitag, 14 September 2018 20:04)

    Ich hatte das auch. Allerdings vor 30 Jahren. Und damals war es absolut unüblich darüber zu reden. Schön, das jetzt darüber gesprochen wird und den jungen Frauen damit Hilfe zusteht. Ein toller Beitrag.

  • #3

    Anne (Freitag, 14 September 2018 22:06)

    Ein toller Beitrag und ein wichtiges Thema was nicht mehr tabuisiert gehört.