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Wie organisiert man seinen Alltag als Working- Mum?

Tammy ist 25 Jahre alt und arbeitet als gelernte Podologin in der Praxis ihrer Mutter. Seit der Geburt ihres Sohnes Henry im September 2017 hat sich ihre wöchentliche Arbeitszeit zwar auf 30 Std. in der Woche verkürzt, doch es kam es für sie nicht in Frage nach dem Mutterschutz in Elternzeit zu gehen.

Ist sie deswegen eine Rabenmutter?

Liebt sie ihr Kind weniger als eine Frau, die 3 Jahre zu Hause bleibt?

Ist sie gar karrieregeil?

Oder ist es ein Privileg zu Hause bleiben zu dürfen?

Auf Instagram findet man Tammy als Henri_liebe und kann dort ihren Alltag als Working- Mum verfolgen. Leider sieht sie sich gerade dort immer wieder verpflichtet, ihre Entscheidung gegen eine Elternzeit zu rechtfertigen. Verständnis kommt selten, vielmehr ist das Skepsis oder direkt die Vorstellung das es ihrem Sohn Henri an etwas fehlen muss. Ich freue mich deshalb umso mehr, dass Tammy hier ein wenig aus ihrem Alltag plaudert. Für mich ist sie eine tolle Frau, eine absolute Alltagsheldin. Ach ja: Und eine wunderbare Mutter. 

 

 

Du hast sehr bald nach der Geburt deines Sohnes begonnen, wieder zu arbeiten.

Wie kam es zu dem Entschluss?

Es war eine finanzielle Entscheidung. Durch meine Selbstständigkeit, die ich 2015 aufnahm konnte ich bis zur Geburt nur 8 Gehaltsnachweise vorlegen. Nachdem wir uns beraten liessen, und alles durchgerechnet haben, stellte sich heraus, dass ich nur 300 Euro monatlich für 1 Jahr bekomme (also genau das, was jeder bekommt, wenn man vorher nicht arbeiten gegangen ist).

Durch vorherigen Hauskauf usw. kann ich es mir einfach finanziell nicht erlauben in Elternzeit zu gehen. 

 

Arbeitsalltag und ein Säugling- das klingt nach einem knallharten Organisationskampf. Wie meisterst du das?

Es ist jeden Tag aufs Neue anstrengend. Es gibt Tage, da kommt sein Uropa und geht mit ihm spazieren. Es gibt Tage da kommt sein Opa und beschäftigt ihn bei mir auf der Arbeit. Es gibt aber auch Tage da kommt keiner. Man hofft eigentlich nur von Tag zu Tag, dass es gut läuft und freut sich, wenn am Abend alles geklappt hat. 

 

Ist die Unterstützung von Familie oder Freunden essentiell um diesen Weg so gehen zu können?

Auf jeden Fall. Ohne sie wäre ich absolut aufgeschmissen und ich bin froh, dass mich da einige unterstützen. 

 

Wie geht dein Mann damit um, dass du bereits nach dem Mutterschutz wieder mit der Arbeit begonnen hast? 

Er weiß um meine Doppelbelastung und versucht mich natürlich zu unterstützen wo es geht. Wenn ich Mittags meine 3 Stunden Pause habe, in denen das Baby schläft, darf ich mich ausruhen. Er kümmert sich meistens abends um Haushalt und Einkauf. Und er nimmt es mir auch nicht übel wenn ich Tagsüber nichts im Haushalt mache.

 

Verfolgt man die Meinungsmache auf Instagram, hat man oft das Gefühl, eine junge Mutter kann per se nur alles falsch machen... Geht sie zu früh wieder arbeiten ist sie eine karrieregeile Rabenmutter, genießt sie die 3 Jahre Elternzeit, wirft man ihr vor, sich auf dem Kinderkriegen auszuruhen. 

Hast du bereits Anfeindungen bekommen, für deine Entscheidung?

Ohja, davon gab es einige! Aber nur von welchen die sich nie drum bemüht haben mit mir in Kontakt zu treten um zu hinterfragen wie das abläuft. Im privaten Leben hab ich noch nie ein negatives Wort gesagt bekommen.

 

Welchen Rat würdest du einer jungen Mutter geben, die sich unsicher ist, wie sie ihren beruflichen Werdegang planen soll?

Planen kann man sowas glaube ich nicht. Geplant war das auch bei uns nicht so. Wenn man beschließt zuhause zu bleiben muss man damit zurecht kommen, dass man finanziell eingeschränkter als vorher ist. Beschließt man zu arbeiten, muss man definitiv Unterstützung durch Freunde und Familie haben. Alternativ kann man natürlich auch eine Tagesmutter oder ähnliches aufsuchen. 

 

Glaubst du, dass dein Sohn unter deinem Berufsalltag leidet? 

Diese Frage stelle ich mir oft. Ob ich ihm gerecht werden kann. Und ja, kann ich. Er ist glücklich und ausgeglichen. Kommt jeden Tag an die frische Luft und ist 24/7 an meiner Seite. Er lernt viele Menschen kennen und ist immer freundlich und lacht oft mit ihnen. Ich denke schon, dass ich ihm gerecht werde.

 

Hast du bislang schon einmal das Gefühl gehabt, etwas in der Entwicklung deines Sohnes durch die Arbeit verpasst zu haben? 

Nein. Nicht einmal!

 

Glaubst du, dass es oft unterschätzt wird, welche Arbeit hinter deinem Berufsalltag mit Säugling stecken?

Ich glaube, viele haben einen riesen Respekt davor. Aber was es wirklich heißt mit Säugling zu arbeiten kann man erst dann wissen, wenn man es selbst tut. Es ist unbeschreiblich hart. Aber auch unbeschreiblich schön.

 

Empfindest du es als Privileg arbeiten zu gehen, oder als Privileg zu Hause bleiben zu dürfen? 

Beides. Jedem so wie er es möchte.

Es ist ein absolutes Privileg sein Säugling mit zur Arbeit nehmen zu dürfen, andersrum ist es ein super Privileg Zuhause bleiben zu können.

 

Du hast das Glück einen Mann zu haben, der dich mit deinem Sohn unterstützt. Glaubst du, dass es alleinerziehende Frauen sehr schwer haben, sich zu organisieren? 

Zu erst mal: Hut ab an alle Alleinerziehenden! Ihr macht einen wahnsinnig grandiosen Job!

Ja, ich glaube sie haben es schwerer. Wenn ich mal weg muss oder außerhalb meiner regulären Arbeitszeit arbeite ist mein Mann zuhause und passt auf unseren Sohn auf. Als Alleinerziehende muss man sich ständig neu organisieren und immer jemanden finden, dem man das Kind anvertrauen kann.

 

Welchen Tip kannst du anderen Mamas geben, denen es schwer fällt sich richtig zu organisieren? 

Einen absolut strikt geregelten Tagesablauf einführen. Das geht super, auch mit Säugling. Ich denke das ist bei uns das A und O, dass bei uns jeden Tag zur selben Uhrzeit das gleiche passiert.

 

Hast du manchmal Momente, an denen du wirklich überfordert bist?

Überfordert würde ich nicht sagen, da ich (mittlerweile) sehr ruhig die Sachen angehe. Ich hab viel Hilfe und weiß dass es meinem Kind an nichts fehlt. Gestresst bin ich dafür öfter, wenn was nicht nach Plan läuft. 

 

Du bist auf Instagram recht aktiv und hast viele Mamas die dir folgen. Wie beurteilst du das #mombashing was so oft betrieben wird? 

Ich glaube ein großer Teil, wieso das so oft betrieben wird ist, weil sich viele Mamas zu viele Gedanken und Sorgen machen. Sie googlen zu viel und lesen zu viel nach. Dann kommt eine Mama, die es nicht so macht wie es in Buch xy steht und das kann ja dann kaum richtig sein und wird gleich zu einem gefundenem Fressen.

Das andere Problem sehe ich darin, dass viele Mamas direkt extremen Meinungen verfallen. Entweder ist nuuuur stillen gut, oder es sind nur Stoffwindeln akzeptabel. Es gibt viele, die bestehen darauf nur selbstgemachten Brei zu füttern und alles andere ist ungesund.

Dass andere Meinungen einfach auch mal akzeptiert werden können, ohne den anderen von seiner Meinung überzeugen zu wollen, ist eher selten.

 

Was würdest du dir wünschen, was Mütter im Umgang untereinander verändern sollten?

Verständnis für einander haben. Dass es keinen richtigen und falschen Weg gibt. Jeder geht den Weg der für sich und sein Kind der Beste ist, und wenn er anders ist als mein Weg, ist er nicht unbedingt falsch.

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Kommentare: 4
  • #1

    Nicole (Freitag, 13 Juli 2018 21:49)

    Ein super Beitrag. Ich selber habe 3 Kinder und arbeite seit eine halben Jahr wieder. Da war der jüngste drei. Ich habe großen Respekt davor wie man das so managt. Und ich glaube nicht, das es dem Kind deswegen an etwas fehlt.

  • #2

    Anonym (Samstag, 14 Juli 2018 18:38)

    Ich kann es einfach nicht verstehen warum man ein Kind bekommt wenn man dann direkt wieder arbeitet. Das man sich finanziell einschränken muss weiß man doch vorher.

  • #3

    Anja (Sonntag, 15 Juli 2018 22:22)

    Tolles Thema. Respekt vor jeder Mama die so einen Alltag bewältigt.

  • #4

    Dorothea (Dienstag, 17 Juli 2018 12:50)

    Respekt an Tammy. Ich find es wirklich beachtlich wenn man seinen Alltag neben einem Kleinkind so meistert. Ich verstehe nicht warum Frauen da immer so haten müssen. Es sitzen doch alle im gleichen Boot