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Wie der letzte Penner? Obdachlos aber nicht würdelos.

Wolfgang ist Ende 50 und lebt seit 12 Jahren in München auf der Strasse. Früher, da hatte er alles was man gemeinhin als gutbürgerliches Leben kennt. Er war verheiratet und Vater einer Tochter, die ist mittlerweile 24 und lebt in Hamburg. Seit der Trennung von seiner Frau 2005 geht es Berg ab. Erst kam die Arbeitslosigkeit und 2006 folgte dann die Wohnungslosigkeit. Wolfgang hat Philosophie und alte Geschichte studiert und jahrelang an der Uni in Augsburg gelehrt. Ein Leben was für ihn so weit weg erscheint, als sei es bloß die Geschichte eines Fremden. 

 

Du lebst seit 2006 in der Nähe der Wittelsbacher Brücke. Wie kam es dazu?

Nach der Trennung von meiner Frau und ihrem Auszug aus der Wohnung, litt ich fürchterlich. Ich ging immer seltener zur Arbeit, den Weg nach Augsburg konnte ich irgendwie nicht mehr bewältigen. Ich rutschte in eine tiefe Depression und griff immer öfter zur Flasche. Es folgte, wie sollte es anders sein, die Kündigung und ich konnte schon bald die Miete nicht mehr zahlen. Im Mai 2006 war ich dann wohnungslos und verbrachte die ersten Nächte draussen. 

 

Wie hast Du dich damals gefühlt, als du auf einmal von jetzt auf gleich quasi alles verloren hast?

Ich war wie betäubt. Da war ganz viel Scham und Wut. Auf mich selber, das ich mir nicht helfen lassen wollte. Aber die Depression klammerte sich wie ein Tier um mich und sorgte dafür das ich nicht wirklich voran kam. Oder mir irgendwo Hilfe holen konnte. 

 

Der erste Winter auf der Strasse- erinnerst Du dich noch daran?

Ja! Das war furchtbar. Ich bin ein sehr introvertierter Mensch, schon einmal eine Eigenschaft die man auf der Strasse nicht gut gebrauchen kann und am besten ablegt. Oder mit dem kleinen Helferlein Alkohol lernt abzulegen. Jedenfalls habe ich damals regelmässig unter der Paul-Heyse- Unterführung übernachtet, damals ging das noch. Aber ich wurde regelmässig vertrieben und verprügelt und habe mich nicht gewehrt. In dieser Zeit habe ich oft an Selbstmord gedacht. Am Ende war ich doch zu feige. 

 

Was sind besonders harte Momente für dich auf der Strasse?

Eigentlich alle Familienfeste. Man hat das ja selber Jahrzehnte gefeiert und zwangsläufig kommen dann Erinnerungen hoch. 

Weihnachten und Ostern, ja das ist wirklich hart. Das sind die Momente an denen man sich auch nicht selbst bescheißen kann. 

 

Entwickeln sich Freundschaften untereinander?

Ja klar! Über die Jahre hat man seine Freunde und man schaut aufeinander. Man gibt sich Tipps wo man sich tagsüber besser nicht aufhält, gerade weil die Bettelmafia uns nach und nach die guten Plätze wegnimmt. Und die Leute die hinter denen stehen, gehen da teilweise brutal vor. Einen Kollegen von mir haben sie letztes Weihnachten brutal zusammen geschlagen und das nur, weil er seinen Stammplatz nicht aufgeben wollte. Das trifft einen sehr.

 

Jetzt ist es draussen ja recht angenehm. Aber wie überstehst Du die kalten Nächte im Winter?

Der mensch ist ein Gewohnheitstier und gewöhnt sich an alles. Traurig aber wahr. Und natürlich hilft der Alkohol. 

 

Kommt es für dich nicht in Frage Obdachloseneinrichtungen für die Nacht aufzusuchen?

Doch. Ab und an mache ich das. Wenn die Temperaturen weit unter 20 Grad gehen. Und es auch tagsüber irgendwie nicht aufwärmt oder man mal irgendwo eine Stunde im Warmen ist. Aber gerne mache ich das nicht. Mann ist dann zu 10 irgendwo eingepfercht und hat keine Privatsphäre. Ich weiss, man denkt das haben Obdachlose ja nie. Aber das stimmt nicht. 

 

Du verkaufst die Obdachlosenzeitung "Biss" und hast damit einen kleinen Nebenverdienst, Ausserdem stehst Du auf einer Warteliste für eine Sozialwohnung. Gibt dir das Hoffnung?

Die Sache mit der Wohnung macht mir Angst. Ich fühle mich in Räumen mittlerweile beengt und habe eine Angststörung entwickelt. Etwas was übrigens viele Obdachlose betrifft. Jeder denkt immer mit einer Wohnung ist uns geholfen. Aber wer einmal auf der Strasse war, der bekommt das nicht mehr aus sich raus.  

 

Obdachlose haben ja öfter mal einen Hund. Ich habe damit immer ein wenig Bauchschmerzen, weil ich finde das man ja eine Verantwortung für das Tier übernimmt. Und das stelle ich mir schwierig vor, wenn man für sich selbst nicht genug zu essen hat...

Viele von uns vertreiben damit die Einsamkeit und nutzen es auch als Schutzschild. Und alle die ich kenne, würden ihr Geld was sie am Tag einnehmen eher für Hundefutter ausgeben als für sich selbst. Ein Tier ist hier für manchen der einzige Grund zum Überleben. 

 

Wie fühlst du dich wenn die Menschen an dir vorüber gehen, die gerade von der Arbeit kommen oder auf dem Weg zu einem schicken Abendessen sind?

Ich missgönne da nichts. Ich habe jegliche Form von Sozialneid abgelegt. Aber auch wenn ich hier mit schmutzigen Sachen sitze und mein Hab und Gut in eine Tüte passt, bin ich nicht ohne Gefühle. Mich verletzt es, angepöbelt zu werden. Obdachlose verlieren mit ihrer Wohnung ihre Würde. Ich bin immer noch ein Mensch der was wert ist. Aber nicht in dieser Gesellschaft. 

 

Gibt es Menschen die sich für dein Schicksal interessieren?

Ja! Die Sozialarbeiter und die Leute vom Kältebus. Und auch ein paar Privatleute besuchen mich immer wieder unter der Brücke. Bringen essen mit, vielleicht auch mal eine ausgediente Jacke. Aber am meisten freut es mich, wenn sie bleiben um mit mir zu reden. Es ist schön mal für ein paar Stunden mit jemanden zu reden der mich nicht in die Schublade "wertlos" steckt. Wir plaudern über alles mögliche, mich interessiert der Berufsalltag meines Besuches zum Beispiel. Es gibt mir die Illusion ein Stück zurück ins Leben zu kommen.

 

Wie kann man euch denn helfen? 

Ein nettes Wort, ein Lächeln- das wäre schon ein Mal ein Anfang. Und natürlich freuen wir uns über ein paar Münzen. Genauso freut uns aber einfach eine Semmel und ein Kaffee oder jetzt bei der Hitze eine Flasche Wasser. Es ist eigentlich ganz einfach...

 

Wenn Du einen Wunsch frei hättest...

Würde ich mir wünschen, das ihr nicht so auf uns herabschaut. Es kann jeden treffen und ich sage das nicht mit Boshaftigkeit. Wir sind Menschen, kein Müll.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Steffi (Freitag, 27 Juli 2018 13:19)

    Danke für diesen tollen Beitrag!

  • #2

    Rene (Freitag, 27 Juli 2018 17:45)

    Danke für diesen super Beitrag. Und Respekt, dass du dich augenscheinlich mit Wolfgang getroffen und vorurteilsfrei auseinander gesetzt hast.

  • #3

    Bianca (Montag, 30 Juli 2018 00:41)

    Ein sehr berührender Blogpost. Durch einen Zufall bin ich auf deinen Blog gestoßen und hänge hier jetzt schon eine Stunde fest. Du hast eine unglaublich tolle Mischung an Themen mit Tiefgang. Ab jetzt bin ich großer Fan von dir!