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Wie ich meine große Liebe fand und doch einen anderen heiratete.

Es war ein heißer Sommer 1945. Ich hatte mich bei meiner Familie wieder gut eingelebt und kam langsam zu Kräften. Die tägliche Arbeit im Haushalt, der gleichförmige Alltag und die Ruhe auf dem Land halfen mir, Schritt für Schritt die Geschehnisse der vergangenen Monate zu verarbeiten. Einzig und allein die nächtlichen Alpträume erinnerten mich daran, dass meine Seele das Gesehene nicht in dem Tempo ad Acta legen konnte, wie ich es mir gewünscht hätte.

Ich genoss es sehr, meine Eltern und meine Geschwister um mich herum zu haben und mein abgemagerter Körper fand langsam Erholung.

Wenn mich nur nicht dieser schreckliche Kummer, der mich von innen fast aufzufressen schien, geplagt hätte. Gelindert werden konnte er nur, wenn der Briefträger endlich wieder einen Brief von ihm brachte.

Ach Maximilian! Wie ich ihn doch vermisste...

In den letzten zwei Jahren des Krieges war das Greizer Krankenhaus in ein Lazarett umgewandelt worden. Tag für Tag kamen verwundete Soldaten an, oftmals fehlten ihnen die Gliedmaßen. Ihre Verletzungen hatten selbst mich, als mittlerweile kriegserfahrene Krankenschwester, oft an die Grenzen gebracht.

Schlimmer jedoch als die körperlichen Blessuren der Soldaten waren oft die Augen, die den Schmerz der Welt in sich zu tragen schienen. Hoffnungslosigkeit, Schmerz und Wut- ein ganzer See an Emotionen war oft darin zu finden. 

Eines Tages, es war ein warmer frühlingshafter Tag im März 1943, kamen zwei neue Patienten bei uns an. Zwei Offiziere, beide schwer verletzt, und vollkommen entkräftet. 

Die beiden bezogen ein Doppelzimmer und ich begann, mich um sie zu kümmern. Paul, der schüchterne von beiden, hatte im Krieg sein Augenlicht verloren und sollte im Lazarett lernen, seinen Alltag in Zukunft auch als blinder junger Mann zu bewältigen. Dass er von Natur aus eher introvertiert war, machte die Sache nicht einfacher. Er verbrachte den Tag meist am Fenster im Gemeinschaftsraum und schwieg. Früher war sein Hobby vor allem das Lesen großer literarischer Werke gewesen, er ritt für sein Leben gern und seine Familie bewirtschaftete in Pommern einen Gutshof. Seine Zukunft als Gutsherr schien in weiter Ferne zu liegen, sein Vater der auf den einzigen Sohn gebaut hatte, sollte sich wenig später in der Scheune aufhängen. 

Oftmals las ich Paul Briefe aus seiner Heimat vor, seine Schwestern schrieben ihm regelmäßig und erzählten ihm davon, wie der Alltag in Pommern voranschritt, während er tagein tagaus vor dem gleichen Fenster im Greizer Lazarett saß und darüber sinnierte, wie ein einziger kleiner Splitter einer Handgranate seine Zukunft für immer verändert hatte. Seine Miene hellte sich nur dann auf, wenn ich ihm die Anekdoten seiner Schwester Marie vorlas- sie war gerade schwanger mit ihrem ersten Kind und verstand es auf so hinreißende Weise zu schreiben, dass ich mich sofort mit dieser Frau solidarisieren konnte. 

Sein Offizierskamerad Maximilian hingegen war lange nicht in der Lage gewesen, Abwechslung im Gemeinschaftsraum zu finden. Nach der Amputation seines Fußes und mehreren Knochenbrüchen war er auf Wochen ans Bett gefesselt. Anfangs sah es nicht gut aus, nach der schwierigen Operation am Fuß hatte er viel Blut verloren und durch die mittlerweile katastrophalen hygienischen Zustände, die vor allem der mangelnden Versorgungssituation zuzuschreiben gewesen waren, entwickelte er eine Blutvergiftung. Meine Schichten verbrachte ich damit, seine Verbände zu wechseln und ihm neue Infusionen anzulegen und ich freute mich jeden Tag ein wenig mehr darauf, ihn zu sehen. Schon bald wachte er aus seinem fiebrigen Halbschlaf auf und lächelte mich an. Es war der Moment, in dem ich mich in diese blauen Augen und die hohen, aristokratischen Wangenknochen verliebte. 

Maximilian sollte das kommende Jahr bei uns verbringen und die zarte Beziehung, die sich zwischen uns entspann, verlieh mir in den tristen Krankenhaustagen regelrecht Flügel. Jeden Tag schrieben wir einander Briefchen, gut versteckt unter seinem Kopfkissen, denn unser Flirt war der Oberschwester ein Dorn im Auge. Ihren strengen Augen entging nichts und ich konnte mich bemühen wie ich wollte, sie überraschte mich immer wieder in den unmöglichsten Momenten. 

Monate vergingen, das zarte Band der Liebe knüpfte sich Stück für Stück und in meinen romantischen Mädchenträumen, denen ich in den wenigen Stunden Schlaf auf der harten Schwesternpritsche nachhing, hörte ich schon die Hochzeitsglocken läuten. 

Wenn da doch nur nicht diese Sache gewesen wäre. Die Problematik ging mir auf, als ihn seine Schwester besuchte. Eine unglaubliche Erscheinung mit ihrem duftigen Kleid, was sich so schmeichelnd um ihre Waden legte. Ich kam mir richtig schäbig in meiner Schwesterntracht vor. Maximilian ist ein Mann aus bestem Hause. Seine Eltern bringen ein beträchtliches Vermögen mit und seine Familie ist in Heidelberg hochangesehen. Wie sollte ich ihn jemals mit nach Eisenach nehmen? Meine Familie ist derart arm, dass ich mich dafür schäme. Meine zwei Sonntagskleider und ein einfaches Blusenkleid sind mein ganzes Hab und Gut. Ich machte mir schier unendliche Gedanken darum, wie ich ihm meine Herkunft aus einfachsten Verhältnissen verheimlichen konnte und es gelang mir erstaunlich gut. 

Die Zeit bis zur Beendigung meines Dienstverhältnisses genoss ich so gut es ging und verbrachte jede mir freie Minute mit Maximilian.

Irgendwann war der Abend meines letzten Arbeitstages gekommen und ich saß an seinem Bett. Ich würde am nächsten Tag nach Eisenach abreisen während er noch weiter im Lazarett genesen musste. Mittlerweile beinahe 1,5 Jahre war er hier. Die wohl schönste Zeit in meinem bisherigen Leben. Und oftmals hatte ich das Gefühl, ich existierte in zwei Parallelwelten. Meiner kleinen zufriedenen Blase voll Glück, die Maximilian und mich umgab. Und die bittere und harte Welt des Krankenhaus- und Lazarettalltages, dessen ständiger Begleiter auf jeder Station der Tod gewesen war. Die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bei den sterbenden Soldaten, die ihr oftmals blutjunges Leben dem Krieg geopfert hatten und jetzt vor dem Scherbenhaufen ihrer Zukunft standen. 

 

Als ich an jenem Abend an sein Bett trat, nahm er meine Hand und bedeutete mir, mich zu setzen. Wenn das jetzt nur nicht die Oberschwester zu sehen bekam. Maximilian gestand mir seine Liebe und machte mir einen Antrag. Ich war überglücklich und guter Hoffnung, schon bald nach Heidelberg ziehen zu können, um mit ihm eine Familie zu gründen. Ich hoffte bloß, töricht wie ich war, dass er nie meine ärmliche Herkunft kennenlernen müsste. Wie undankbar das in diesem Moment gegenüber meinen Eltern klingen musste, war mir bewusst und ich schämte mich. 

Ich gab ihm meine Adresse und wir versprachen einander, uns zu schreiben. 

 

Und nun, fünf Monate nach meinem Weggang aus Greiz, saß ich in meinem Mädchenzimmer und vergoß heiße Tränen um ihn. Er schrieb hinreißende Zeilen, im letzten Brief war sogar ein Farbfoto dabei, was er für mich hatte anfertigen lassen. Ich vermisste ihn so und es schien momentan keine Aussicht auf ein Wiedersehen zu geben.

Meine Mutter sah es nicht besonders gern, dass ich "in der Vergangenheit lebte", für sie hatte die Sache mit meinem Maximilian keine Zukunft. Jeden Tag saß der Nachbarjunge, mit dem ich früher die Äpfel in den Streuobstwiesen geklaut hatte, bei uns in der Küche. Für meine Mutter schien es zu einer fixen Idee geworden zu sein, mich mit Heinz zu verkuppeln. Der Nachbarjunge war mittlerweile zu einem ansehnlichen jungen Mann, zwei Jahre jünger als ich, herangewachsen und bestach durch eine renitente Aufsässigkeit. Tagelang belagerte er mich damit zu fragen, ob ich mit ihm ins Tanzcafé in der Oststadt gehen wollte. Ich hatte keine Lust, schon gar nicht mit ihm. Ich würde mich schlecht fühlen gegenüber Maximilian, und irgendwie auch mir selbst gegenüber. 

 

Mittlerweile war es Winter geworden. Die triste Nachkriegszeit hatte alle fest im Griff und die Lebensmittel waren knapper denn je. Weihnachten stand vor der Tür. Ein Fest wie ich es von früher kannte, würde es dieses Jahr wohl nicht geben. Wir waren zwar schon immer sehr bescheidene Leute und an große Geschenke war nie zu denken, aber zumindest ein gutes Festessen gab es immer. Der Bauer nebenan ließ uns immer ein ordentlichen Braten zukommen. Dieses Jahr war es anders. Er brauchte das Wenige für seine eigene Familie, denn auch dort wollten einige hungrige Mäuler gestopft werden. 

Ich fühlte mich müde und abgeschlagen. Die Arbeit der letzten Jahre war nicht spurlos an mir vorüber gegangen. Ich ging schweren Schrittes zum Postamt, um ein Brief aufzugeben- der Brief von dem ich wusste, dass er mein Leben verändern würde. Das Kind unter meinem Herzen erinnerte mich mit zarten Tritten an seine Existenz. 

In ein paar Monaten würde ich Mutter werden. Statt Maximilian sollte mein zukünftiger Mann nun also Heinz heissen. Der Nachbarjunge. Es war nicht gerade die glühende Liebe und Leidenschaft, die ich mir für mein Leben vorgestellt hatte. Das zwischen Heinz und mir war etwas solides und bodenständiges, frei von großen Gefühlen, pragmatisch. 

Mein Herz schlug nach wie vor für Maximilian, es gab viele Stunden in denen ich es bereute, mich so einfach hingegeben zu haben. Die Konsequenzen waren damit klar. Nach der Geburt musste die Hochzeit folgen. Ein uneheliches Kind ist ohnehin schon ein Skandal. In der Nachkriegszeit und während der Versorgungsarmut sah man uns das jedoch nach. 

Nachdem ich den Brief an Maximilian aufgegeben hatte, fühlte ich mich, als sei ein Stück meines Herzens für immer mit auf die Reise gegangen. Ich hatte diesen Brief so oft begonnen, versucht die richtigen Worte für etwas zu finden, für das es kein "richtig" gab. Ich würde ihn nicht heiraten. Ich erwartete ein Kind. Unsere Zukunft war an diesem Punkt beendet. 

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Kommentare: 11
  • #1

    Denise (Donnerstag, 09 August 2018 20:15)

    Was für eine fesselnde Geschichte. So schön erzählt, so romantisch und so unglaublich traurig..was für ein Glück wir doch jetzt haben. Wenn sie jedoch deine Oma ist, ist es doch dennoch super ausgegangen sonst wärst du ja garnicht da❣

  • #2

    Annie (Donnerstag, 09 August 2018 20:26)

    Ich liebe diese Rubrik und habe so lange gewartet bis es weiter geht. Wie romantisch diese Geschichte doch ist. Heute kann man das gar nicht mehr nachempfinden,

  • #3

    Nicole P. (Donnerstag, 09 August 2018 20:28)

    Ich fiebere immer auf einen neuen Teil von Oma erzählt hin! Sehr bewegend und spannend. Danke das du uns teilhaben lässt!!!

  • #4

    Juristin_mit_Depressionen (Donnerstag, 09 August 2018 20:34)

    Hat Maximilian denn zurückgeschrieben? Oder hat deine Oma nie wieder was von ihm gelesen. Das ist so eine traurige Geschichte.

  • #5

    Antonia (Donnerstag, 09 August 2018 22:00)

    Wie traurig. Ich wüsste zu gerne ob er sich nochmal gemeldet hat

  • #6

    Antonia (Donnerstag, 09 August 2018 23:03)

    Ich hab ein paar Tränen bei der Lektüre verdrücken müssen. Wie rührend. Ich wüsste do gerne wie es weiterging.

  • #7

    Anastasia (Freitag, 10 August 2018 12:10)

    Ich habe mir gerade alle Beiträge angeschaut von deiner Oma und bin total begeistert. Ich komme auch aus Eisenach und es ist ein richtiges Gänsehautfeeling in diese alte Zeit einzutauchen

  • #8

    Martha (Freitag, 10 August 2018 23:55)

    Was für eine wundervolle Geschichte

  • #9

    Friederike (Sonntag, 12 August 2018 21:01)

    Die besten Geschichten schreibt das Leben. Ich hab Gänsehaut

  • #10

    Doro (Mittwoch, 15 August 2018 14:22)

    Ich habe es mir alles durchgelesen- jeden Beitrag deiner Oma. Was für ein spannendes Leben. Freu mich auf mehr.

  • #11

    Manja (Montag, 27 August 2018 15:01)

    Die Geschichte deiner Großmutter ist so unglaublich spannend! Ich habe mir gerade alles durchgelesen und bin schon gespannt wie es weitergeht.