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Wie ist es wirklich, Wiesnbedienung zu sein?

Meine liebe Freundin Nina, 32, arbeitet ausserhalb der Wiesn als Social- Media- Managerin bei einem Verlag. Ich habe sie vor 3 Jahren auf der Wiesn kennengelernt und damals war ich noch ihre Chefin und sie ein echter Sonnenschein. Nina ist mir unter mehr als 150 Kellnern immer als ein Mädchen aufgefallen was selbst im grössten Stress lächelte, die für jeden Kopfwehtabletten, Salben und Hustenbonbons hatte und das Team wirklich bereichert hat.

Das Team, das ist in diesem Fall die Wiesnwirtefamilie Able die seit 2014 mit dem Marstall Festzelt das Hippodrom ersetzte und mit ihrer Servicekultur neue Massstäbe aufzeigte. Wer im Marstall seine Zeit verlebt, hat das Gefühl im grössten Wohnzimmer auf dem Oktoberfest gelandet zu sein. Liebevolle Details und sorglose Gemütlichkeit spiegelt sich nicht nur in der Optik des Zeltes wieder, sondern vor allem auch in den Mitarbeitern. Jeder der einen Job als Bedienung im Marstall bekommen hat, genügt nicht nur den sehr hohen Ansprüchen der Wirtefamilie, die kompromisslos für eine beispiellose Servicekultur einstehen, sondern muss auch körperlich topfit sein. Mit 4500 Sitzplätzen ist es zwar nicht das grösste Festzelt des Oktoberfest aber dafür bedeutet der hohe Anspruch an Qualität, der einem Restaurantbesuch in nichts nachstehen soll, auch ein Mehraufwand an Arbeit für die Bedienungen.

Ich freue mich riesig, dass Nina uns ein wenig an ihrem Alltag auf dem grössten Volksfest der Welt teilhaben lässt. 

 

Um nichts ranken sich mehr Klischees, Mythen und Tuscheleien. Die Wiesn- Bedienung! Wie kamst du dazu, dich als Kellnerin auf dem Oktoberfest zu bewerben? 

Ich habe schon immer nebenbei in der Gastronomie gearbeitet. Als ich für ein Praktikum nach München kam, musste ich mir überlegen, wie ich 6 Monate mit nur 500€ Gehalt pro Monat auskommen soll. Da lag es für mich auf der Hand vor Beginn des Praktikums auf der Wiesn zu arbeiten, um mir wenigsten die Miete leisten zu können. Damals habe ich mich über eine Jobbörse beworben und meinen ersten Wiesnjob als Bedienung im kleinsten Wiesnfestzelt angenommen. Wir waren 3 Bedienungen in einem Zelt was für 90 Personen ausgelegt war, eine riesen Gaudi! 

 

Nicht selten hört man, 10000 Euro hätte man nach der Wiesn als Kellnerin in der Tasche. Ist das so?

Über Geld spricht man als Wiesnbedienung nicht.Ist ein ungeschriebenes Gesetz. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass einige Bedienungen an die 10k auf der Wiesn verdienen können. Dabei muss man aber immer abwägen in welchem Zelt man ist, also auch was für eine Klientel man bedient und in welchem Bereich man arbeitet. Im reservierten Bereich, wird man immer mehr Geld verdienen können, als draußen im Biergarten.

 

Ist Geld die klassische Motivation für den Job auf der Wiesn? 

Jein. Es geht auch darum mal was völlig anderes zu machen. Ich arbeite hauptberuflich als Social Media Managerin für einen Verlag und sitze meist den ganzen Tag am Schreibtisch. Für mich ist die Wiesn und die körperliche Arbeit dort immer ein gutes Gegengewicht zu meinem Büroalltag. Natürlich motiviert einen auch das Gemeinschaftsgefühl, was man hat, wenn man 16 Tage lang aufeinanderhockt und zusammen einen solchen Job bewältigt.

 

Wie darf man sich den klassischen Tag als Bedienung vorstellen? 

Das ist relativ einfach. Man kommt ins Zelt, verstaut seine privaten Gegenstände, holt sich eine Tasse Kaffee und geht in seinen Bereich. Wenn man Frühschicht hat, muss man erstmal die Tische herrichten und dann heißt es warten bis die Türen aufgehen. Danach geht es je nach Reservierungslage schon morgens oder dann nachmittags los mit dem Bedienen. Feierabend ist dann je nachdem wie schnell man mit der Abrechnung und den Aufräumarbeiten durch ist gegen 23:30. 

 

Arbeiten ohne Unterlass, Lärm und die betrunkenen Gäste. Das sind Wochen voller Stress. Wie bereitest du dich darauf vor? 

Auf diese Zeit kann einen eigentlich gar nichts vorbereiten. :D Körperliche Fitness ist auf jeden Fall ein großes Plus. Auch ein spezielles Rücken- und Armtraining (oder in meinem Fall Beintraining, da ich auf der Galerie arbeite) ist keine schlechte Vorbereitung.  Zusätzlich fange ich meistens 1 Woche vor dem Start mit einer Vitamin Kur an, die ich über die Wiesn hinweg fortsetze, zur Stärkung der Abwehrkräfte. 

 

Wie erträgt man 16 Tage lang den Alkoholpegel seiner Gäste? 

Man muss diesen Job einfach mögen und mit betrunkenen Gästen umgehen können... 

 

Was war die skurrilste Situation die du während deiner Zeit als Kellnerin auf dem Oktoberfest erlebt hast? 

Die skurrilsten Situationen habe ich eigentlich in meinem ersten Jahr im Biergarten erlebt. Hier haben wir mal einen Gast erwischt, der sich 20 Salz- und Pfefferstreuer in seine Jackentaschen gepackt hatte. Ein anderer wollte unbedingt ins Zelt. Das war aber bereits wegen Überfüllung geschlossen. Schlau wie er war hat er sich einfach ein volles Tablett aufgeschultert und ist damit an den Security vorbei ins Zelt. Der Türsteher hatte wohl aus Reflex die Tür aufgemacht, ohne darauf zu achten, wer eigentlich der Träger des Tabletts war. Ein paar von uns hatten ihn bei dieser Aktion beobachtet, fanden aber, dass er sich den Zugang für diesen kreativen Einfall durchaus verdient hatte. :D

 

Wie wichtig ist die Arbeit als Team bei euch?

Die Arbeit auf der Wiesn steht und fällt mit einem guten Team. Du musst dich 100% auf deine Teammitglieder verlassen können und ihnen voll und ganz vertrauen, nicht zuletzt, weil ihr auf ein Portmonee arbeitet. Aber auch das gesamte Team im Zelt muss kollegial zusammenarbeiten, denn wenn einer Scheiße baut, hat das für das gesamte Team Konsequenzen. 

 

Macht jeder seins oder schaut man aufeinander? 

Jeder macht seins geht nicht, denn dann kommt man ganz schnell ins Schwimmen. Am Abend kann man sich die Tische in seinem Team schon aufteilen, aber trotzdem fragt man immer den anderen, ob er noch etwas von der Schänke braucht, wenn man sich eh gerade auf den Weg machen wollte. Beim nächsten Mal ist es dann umgekehrt. Aber auch mit benachbarten Teams ist ein guter Zusammenhalt extrem wichtig.

 

Was ist dran an dem Gerücht, dass die Bedienungen den Stresslevel nur mit einem eigenen gut gefüllten Alkoholpegel halten können? 

Zu unserer Servicekultur im Zelt gehört es die Gäste zum feiern zu animieren. Wenn wir am Abend kurz vor Schluss mal auf ein Glas Champagner eingeladen werden, sagen wir natürlich nicht nein- das gehört dazu um den Gästen ein gutes Gefühl zu geben. Betrunken sein ist zum einen gar nicht möglich, weil dafür die Arbeit viel zu anstrengend ist. Ausserdem würde ein solches Verhalten seitens der Geschäftsleitung auch gar nicht toleriert.

 

Trägst du körperliche Blessuren von deiner Arbeit davon? 

Meine Füße werden bei jeder Wiesn stark in Mitleidenschaft gezogen. Blasen und Nagelschäden habe ich eigentlich jedes Mal. Dazu kommen jede Menge blaue Flecken, an den Armen und Beinen und nicht zu vergessen die obligatorische Hornhaut zwischen Daumen und Zeigefinger vom Maßkrug tragen. ☺

 

Hast du auch schon mal brenzlige Situationen erlebt? Gäste die nicht zahlen wollten, Betrunkene die aggressiv wurden... 

Eigentlich nicht. Das kam tatsächlich sehr selten bei uns vor und wenn dann nicht in unserem Bereich. 

 

Sicherheit ist dieser Tage ein Riesnthema. Viele haben in den letzten Jahren auf den Besuch des Oktoberfests verzichtet aus Angst vor Terroranschlägen. Wie geht’s du mit diesem Thema um? Hast du dir da Gedanken gemacht? 

Jein. Natürlich denkt man daran, aber man darf sich davon nicht runterzeihen lassen, sonst hat man keinen Spaß, wenn man ständig daran denkt es könnte etwas passieren. Und das gilt nicht nur für die Wiesn. Mittlerweile sind die Sicherheitsstandards auf der Wiesn aber sehr hoch, sodass man sich darüber keine Sorgen machen braucht. 

 

Welche Rolle spielt das Thema „Terror“ bei dir im Festzelt? Wurde darüber gesprochen, die Kellner auf solches Situationen vorbereitet oder lief das eher nebenher? 

Das lief eher nebenher. Natürlich wurden wir dazu angewiesen verdächtige Personen oder Gegenstände direkt zu melden, aber es war kein beherrschendes Thema. 

 

Findest du auch mal Zeit selber über die Wiesn zu schlendern oder ist das gar nicht möglich?

Ja schon. Vor allem unter der Woche, wenn es tagsüber etwas ruhiger bei uns im Zelt ist, findet man immer mal die Gelegenheit über die Wiesn zu gehen und sich ein paar Stunden wie ein normaler Wiesnbesucher zu fühlen. 

 

Was ist die größte Herausforderung für dich während der ganzen Zeit? 

Die größte Herausforderung ist tatsächlich nicht krank zu werden. Es heißt nicht umsonst „Wiesngrippe“. Man muss sich gegen Keime schützen, dafür sorgen, dass man warm angezogen ist auf dem Heimweg und versuchen sich gesund zu ernähren, wobei letzteres wirklich die größte Schwierigkeit darstellt, bei all dem guten, aber auch ungesunden Essen. 

 

Wie lange brauchst du nach der Wiesn um dich von dem Trubel zu erholen? 

Eigentlich nicht so lange. Ein bis zwei Tage auf der Couch oder im Wellnesshotel reichen eigentlich schon aus, je nachdem, ob man es geschafft hat gesund zu bleiben oder nicht. Dann braucht man natürlich etwas länger. Aber eigentlich war es bisher immer so, dass ich mich eine Woche danach schon wieder auf die nächste Wiesn gefreut habe… ☺

 

Und was ist dran an dem Mythos, das man hinterher immer krank wird? 

Die Antwort findet sich eigentlich schon in der obigen Frage. Natürlich steht der Körper die ganze Wiesn lang unter Strom. Wenn das vorüber ist und der Körper Zeit hat sich zu erholen, kann es schon sein, dass man danach noch etwas kränkelt, je nachdem wie gut man über die Wiesn hinweg auf sich geachtet hat. 

 

Welchen Tip würdest du einem jungen Mädchen geben, das sich gerne als Volksfestbedienung bewerben möchte? 

Ich würde ihr raten, sich die Zeltwahl sorgfältig zu überlegen. Es gibt Bedienungen, die wie gemacht sind für das Hofbräu- oder das Hackerzelt. Ich persönlich hätte mich dort niemals beworben, weil es mir dann doch zu extrem wäre. Auch das Käfer- oder das Weinzelt wären aufgrund der längeren Öffnungszeiten keine Option gewesen. Irgendwann muss man auch mal schlafen. 

 

Und zu guter Letzt: Was ist dein Wiesnhit- welches Lied geht einfach immer?

„Hulapalu“ und „Fürstenfeld“.  

 

Und wer jetzt Lust bekommen hat ein wenig bayerische Gemütlichkeit zu geniessen der kann unter http://www.marstall-oktoberfest.de noch eine Reservierung sichern. Familie Able und ihr Team freut sich auf Ihren Besuch 

(Werbung! Unbezahlt und ohne Beauftragung, Abbildung der eigenen Meinung)

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Kommentare: 7
  • #1

    Chantal (Freitag, 29 Juni 2018 14:12)

    Sehr interessant. Und Respekt an Nina das sie das so meistert. Ich stelle mir das sehr schwer vor.

  • #2

    Michl (Freitag, 29 Juni 2018 14:55)

    Beste Kollegin ever

  • #3

    Babsi (Freitag, 29 Juni 2018 15:24)

    Danke für diesen Einblick. Sehr spannend und tolle Fotos

  • #4

    Christoph (Freitag, 29 Juni 2018 21:53)

    Mary- beste Bereichsleitung ever. Beste Chefin auf Welt �

  • #5

    Nati (Samstag, 30 Juni 2018 11:55)

    Toller Beitrag. Ich mag die Wochenserie sehr gern, das ist immer spannend zu lesen

  • #6

    Stefan (Montag, 02 Juli 2018 17:30)

    Ohne Team geht auf der Wiesn nichts. Toller Beitrag zur schönsten Jahreszeit in München

  • #7

    Wiesnliebhaberin (Mittwoch, 22 August 2018 10:22)

    Was für ein spannendes Thema du da aufgegriffen hast und die Nina ist ja total sympathisch,