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Erste Hilfe für verwaiste Eltern & Sterneneltern

Auf euren Wunsch sitze ich jetzt an einem Post der mir sehr schwer fällt.

Weil er Wunden aufreisst, die noch immer, 9 Monate danach, sehr frisch sind, aber auch weil es ein Thema ist, was emotional einfach sehr tief geht. 

 

Verwaiste Eltern. Was ist das eigentlich für ein komischer Begriff? 

Kinder, die ihre Eltern verloren haben bezeichnet man als Waisen, der Verlust des Ehepartners macht einen zum Witwer oder zur Witwe. Was aber passiert, wenn man sein Kind zu Grabe tragen muss? Ist man dann wieder kinderlos? Ist man immer noch Mutter oder Vater? Nicht nur, dass man mit dem Liebsten auf der Welt, seinem Kind, seine Hoffnungen mitbegräbt, man wird zu einer Randgruppe. Man ist kein Elternpaar, man ist aber auch nicht kinderlos. Man gehört in einer Zeit, in der man Halt benötigt, irgendwie zu nichts wirklich dazu. Man treibt umher ohne eigentlich genau zu wissen als was man sich fühlen darf. 

 

Dieser Post kann und darf keine professionelle Trauerbegleitung ersetzen, sondern hat den Anspruch Hilfestellung zu geben. Für Eltern, die ihr Kind verlieren mussten, aber vor allem auch für indirekt Betroffene. Man darf nie vergessen, wie machtlos sich die Grosseltern, Freunde, Arbeitskollegen oder Geschwister fühlen, wenn sie sich der Situation ausgesetzt fühlen, jemanden zu begleiten, der gerade ein Kind beerdigen muss. 

Nicht nur die Eltern, sondern auch die Angehörigen und Freunde sollten Hilfe erfahren und die Möglichkeit bekommen, sich in einem geschützten Raum über das Erlebte austauschen zu können.

 

Zunächst einmal kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung heraus sagen, dass der Verlust eines Kindes ein (Ehe-) Paar auf eine Art und Weise auf die Probe stellt, dass man niemals mit Gewissheit sagen kann, das nicht auch diese letzte Konstante zerbricht. Der Verlust des Kindes lässt einen in einer Hoffnungslosigkeit zurück, die eine Partnerschaft erdrückt. Dazu kommt die Trauer der beiden Eltern, die so verschieden sein kann, wie Menschen unterschiedlich sind. Nicht selten ist die Art des Trauern dadurch ein grosses Thema.

Während der Vater vielleicht Monate benötigt, um wieder arbeiten zu können, täglich stundenlang im Kinderzimmer weinend auf dem Boden sitzt, kann die Mutter möglicherweise nicht früh genug zurück in den Beruf finden. Ist sie deshalb eine Mutter, die nicht geliebt hat? Oder ist der Vater vielleicht einfach ein Weichei? Weder noch. Trauer ist ein sehr Individueller Prozess, und auch wenn die verschiedenen Stufen der Trauerarbeit für jeden Menschen die gleichen sind, durchlaufen wir sie in unterschiedlichen Tempo. Verständnis füreinander aufzubringen, zu verstehen, dass die Trauer unterschiedliche Gesichter haben kann, ist das wichtigste.  

Ich persönlich, jedoch bildet dies meine eigene Meinung ab, denke, dass es nicht möglich ist, den Verlust des Kindes ohne psychotherapeutische Hilfe zu meistern, ohne das es zu Schäden an der (seelischen) Gesundheit oder der Partnerschaft kommt. Es ist unerheblich, ob man sich für einen Psychologen, eine Paartheraphie, den Aufenthalt in einer Tagesklinik oder die stationäre Hilfe entscheidet. Wichtig ist, zu verstehen, das der Tod des Kindes eine extreme Ausnahmesituation für Körper und Geist ist, die zu verarbeiten Jahre in Anspruch nehmen wird. 

 

Was aber ist zu tun, in der Zeit der akuten Trauer? Wenn man gerade sein Kind durch einen Unfall, eine Krankheit oder einen anderen schlimmen Schicksalsschlag verloren hat. 

Zunächst einmal gibt es für die betroffen Eltern eine Reihe von Einrichtungen, die wir teilweise selber in Anspruch genommen haben.

 

Jedes Krankenhaus hat eine Notfallseelsorge, die in der akuten Phase, sollte das Kind in einem Krankenhaus drohen zu versterben oder kürzlich verstorben sein, gut geschulte Seelsorger/innen anbietet. Sie bietet Hilfe zu verstehen was da gerade passiert ist, oder im Begriff zu passieren ist. Die Seelsorger/innen organisieren wichtige bürokratische Hürden, wie die Beauftragung eines Bestattungsunternehmens, die evtl. Nottaufe, die Versorgung evtl. zu Hause gebliebener Geschwister oder Haustiere und alle anderen anfallenden Dinge, für die in solchen Situationen kein Raum bleibt.

 

Oftmals besteht der Wunsch der Eltern, gerade dann wenn es sich um ein ungeborenes Kind handelt, welches in den nächsten Tagen oder Stunden zu Welt kommen soll und möglicherweise bereits tot ist, oder nicht lebensfähig, die Erinnerungen in Form von Fotos lebendig zu halten.

DEIN.STERNENKIND.EU bietet Eltern, deren Nachwuchs den Weg in die Welt nicht finden durfte, Sternenkindern und Babys die den plötzlichen Kindstot erlagen, die Möglichkeit ihre Liebe in Bildern zu bannen. Die Fotografen arbeiten alle ehrenamtlich und bieten den Service für die trauernden Eltern kostenlos an. Sie sind mittlerweile fast im gesamten Bundesgebiet vernetzt und sind 24/7 anfragebar. Auch wenn diese wahnsinnig tolle Dienstleistung kostenlos ist, stecken dahinter professionelle Fotografen, die dies in ihrer Freizeit tun. Eine wirklich tolle Sache!

 

Der Bundesverband verwaiste Eltern und trauernde Geschwister e.V. (veid.de) bietet akute Hilfestellungen, zeigt auf, wie man mit zurückgebliebenen Geschwistern jetzt umgehen sollte und wie man sich als Paar in dieser schweren Zeit nicht verliert. Der Verein unterstützt aber nicht nur Eltern in der akuten Phase der Trauer, sondern bietet allen direkt und indirekt Betroffenen eine Anlaufstelle für ihre Sorgen und Ängste. Gerade auch das familiäre Umfeld, die engen Freunde oder aber die Arbeitskollegen wissen in dieser Ausnahmesituation weder wohin mit den eigenen Empfindungen, noch wie sie eine wertvolle Unterstützung sein können.  

Veid.de bietet Kontakt zu Selbsthilfegruppen und Trauerseminaren, ermöglicht aber auch den virtuellen Austausch mit anderen Betroffenen. 

 

Eine weitere Anlaufstelle für akute Trauer aller (in)direkt Betroffenen ist die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Sie bietet neutrale Hilfestellung und ist nicht nur anonym sondern nimmt oftmals Hemmschwellen des Anrufenden, aufgrund der Tatsache, das man die Person am anderen Hörerende nicht sieht. Es gibt sie bundesweit, aber auch eine Reihe von örtlichen Hilfenummern, auch für verschiedene Konfessionen. 

 

Auch die Kirche und der eigene Glauben können für Trauernde oder trauerbegleitende Angehörige ein wichtiger Stützpfeiler sein. Oftmals genügt es schon, in der nächstgelegenen Kirche einen Moment der Stille zu verleben, eine Kerze anzuzünden oder das Gespräch mit dem Pfarrer oder dem Pastor zu suchen. Sie unterliegen der Schweigepflicht und bieten oft auch für konfessionslose Menschen die Hilfe benötigen eine wichtige Unterstützung an.

 

Zu guter Letzt gibt es auch eine Menge hilfreicher Literatur, die empfohlenen Bücher habe ich selber gelesen und sie verschafften mir teilweise eine andere Sicht auf meine Trauer oder aber auch das Gefühl, mit meinen Empfindungen "Normal" zu sein.

 

  • Die gewandelte Trauer: Eine Ermutigung für verwaiste Eltern  | Annette Meier-Braun (Autor),‎ Christiane Schlüter (Autor), Claudius Verlag, ISBN: 3532628015
  • Vier minus drei: Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand | Barbara Pachl-Eberhart, Heyne Verlag, ISBN: 345370203
  • Warum ? - Mein Kind ist gestorben | Martina Gogeißl, ISBN: 3000515895
  • Voll doof tot zu sein, wenn alle traurig sind | Whisper von Soul, Books on Demand, ISBN: 3732290115
  • Plötzlich tot: Als Familie weiter leben | Bernadette Rüggeberg, Kreuz Verlag, ISBN: 3451611759
  • Warum nur - Tagebuch einer verwaisten Mutter | Marion Dörr, Verlag DeBehr, ISBN: 394402818X
  • Um Kinder trauern. Eltern und Geschwister begegnen dem Tod.  | Anja Wiese, Gütersloher Verlagshaus, ISBN: 3579009389

 

Und für alle die, die sich vor der Frage ratlos sehen, wie sie auch über die akute Zeit hinaus mit ihren Freunden umgehen sollen, die vielleicht vor kurzer Zeit ein Kind verloren haben: 

Es gibt hier kein richtig und kein falsch und so banal es klingen mag, es gibt Zeiten im Leben, in denen man nicht viel mehr tun kann, als füreinander da zu sein.

 

Die trauernden Eltern werden euch sehr genau anzeigen, was sie gerade brauchen. Es ist unerheblich ob sie für den Moment lieber alleine sein möchten oder sich aktiv ins Leben stürzen. All dies ist der richtige Weg, denn es ist der Weg den sie selber wählen. Habt Etwas, was in jeder Beziehung, nicht nur in einer Ausnahmesituation selbstverständlich sein sollte, nämlich den anderen zu respektieren und nicht zu verurteilen, ist nun wichtiger denn je. 

 

Habt keine Erwartungen. Stellt euch darauf ein, dass der Tod des Kindes für die Eltern selbst nach 6 Monaten noch so frisch ist, als hätten sie ihr Liebstes gestern erst beerdigt. Meist beginnt erst jetzt die Phase in der sie bereit sind das Geschehene zu akzeptieren und zu verarbeiten. 

Versteht, dass es normal ist, das es Tage geben wird, an denen sie lachen können und vielleicht auch in einer geselligen Runde wieder ihren Platz finden. Und dann wird es Tage, vielleicht auch Wochen geben, in denen sie sich zurückziehen, weil der Schmerz sie übermannt. Die Trauer um das eigene Kind ist etwas was einen als anderen Menschen zurücklässt und die Betroffenen müssen erst ihren neuen Platz finden. Das kann mitunter Jahre dauern. 

 

Redet mit Ihnen. Über das was euch bewegt, über das was sie bewegt. Scheut euch nicht davor, von eurem Alltag zu erzählen. In den meisten Fällen, sind die Trauernden sehr dankbar dafür ein Stück Normalität erleben zu dürfen. Gerade wenn sie diese selber noch nicht wieder leben können. Auch wenn es euch natürlich belanglos erscheint, dass der Kollege wieder mal zu Unrecht bevorzugt wurde, es wird nicht von seitens der verwaisten Eltern gewertet werden. Ihr werdet schnell ein Gefühl dafür bekommen, was auf Zustimmung stösst und was eher nicht.

 

Urteilt und wertet nicht! Es kann sein, dass die trauernde Mutter sehr bald wieder schwanger ist. Es kann sein, dass es sehr lange dauern wird, bis die beiden erneut an Nachwuchs denken. Es ist möglich, dass dieses Paar nie wieder an den Gedanken Zeit verschwendet, neues Leben in die Welt zu setzen. 

Es ist niemals eure Aufgabe die Entscheidung der Beiden in Frage zu stellen. Lasst mich euch versichern, dass jede Entscheidung viel Mut, viele Tränen und viele Gespräche erfordert haben. Niemals würden Eltern ein Kind in die Welt setzten um das andere zu ersetzen. Niemals würden verwaiste Eltern sagen, es gibt einen richtigen Zeitpunkt für eine erneute Schwangerschaft. Egal wie der weitere Weg aussehen mag, sie werden euch signalisieren wenn sie um eure Meinung bitten. Ansonsten dürft ihr sicher sein, dass sie sich alle Gedanken der Welt gemacht haben. Denn eines kann ich aus vollem Herzen selber sagen: Man fragt sich jeden Tag, bei jedem Lachen, ob man sein Kind gerade verrät. Ob man das richtige tut. Ob man das richtige fühlt. 

Seit dem betroffenen Paar eine Stütze, eine liebevolle Zuflucht, vielleicht auch ein Ort an dem die Trauer mal in den Hintergrund treten darf. 

Dann tut ihr alles, was möglich ist. 

 

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Kommentare: 8
  • #1

    Andrea (Dienstag, 12 Juni 2018 18:59)

    Ein sehr bewegendes Thema und wunderbar aufgeschrieben.

  • #2

    Angelika (Dienstag, 12 Juni 2018 20:15)

    Danke für diesen Artikel. Wunderbar erklärt und aufgeschrieben!

  • #3

    Anonym (Dienstag, 12 Juni 2018 21:37)

    Ich selber habe meinen Sohn vor 4 Jahren am plötzlichen Kindstod verlieren müssen. Was du da schreibst, trifft mich bis ins Marrk. Diese Hilfe hätte ich aber meine Familie damals gebraucht. In jedem Wort kann ich mich wiederfinden.

  • #4

    Markus (Dienstag, 12 Juni 2018 21:58)

    Sehr einfühlsamer und toller Beitrag. Eine wirkliche Hilfestellung. Danke dafür!

  • #5

    Riccarda (Donnerstag, 14 Juni 2018 00:26)

    Ein Artikel der unter die Haut geht!

  • #6

    Fenis (Freitag, 15 Juni 2018 20:20)

    Sehr berührend.,mag mir gar nicht vorstellen wie das sein muss...

  • #7

    Julia (Mittwoch, 20 Juni 2018 01:14)

    Ein berührender, informativer und sensibler Artikel. Ein Thema was viel zu oft totgeschwiegen wird, ist von dir auf eine wunderbare Weise aufgearbeitet wurden. Danke dafür. Meine Schwester hatte gerade eine stille Geburt in der 34 Ssw und ich bin dankbar für deine Tips und Ratschläge. Man fühlt sich damit nicht mehr ganz so hilflos.

  • #8

    Denise (Montag, 23 Juli 2018 14:12)

    Ein großartiger Artikel von dir! Danke für diesen schon längst überfälligen Leitfaden von jemanden der genau weiß was in einem vorgeht.
    Respekt für den Mut der Veröffentlichung. Damit machst du vielen Mut!