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Warum Lehrjahre keine Herrenjahre sind.

Es war 1941, ich war inzwischen 18 Jahre alt und hatte alle Hürden genommen, die es zu meistern gab, um die Ausbildung zur Krankenschwester beginnen zu können. 

Während der zweite Weltkrieg tobte, begann ich im thüringischen Greiz meine Ausbildung. Wenn ich noch dachte, das Jahr auf dem Land sei hart gewesen, so sollte ich sehr schnell eines besseren belehrt werden. Von morgens bis abends mussten wir Schwesternschülerinnen bis zur Erschöpfung auf der Station arbeiten. Es galt Hilfsarbeiten zu verrichten, Bettpfannen mussten geleert, Kissen aufgeschüttelt und Essen serviert werden. Wenn wir dann 19 Uhr nach einem kargen Abendessen eigentlich völlig erschöpft waren, begann der theoretische Unterricht.

Eine Lehrkrankenschwester, die das Abbild einer nationalsozialistischen Dienerin war, prügelte uns täglich bis 22 Uhr den Unterrichtsstoff ein. Neben der üblichen Materie rund um Krankenpflege und medizinische Grundkenntnisse, war das wichtigste Lehrfach Rassenkunde. Die braune Ausbilderin stellte mittels Schaubildern ausführlich dar, warum Juden nichts Wert seien und wie der Arier auszusehen habe. Den Unterricht begannen und schlossen wir mit "Heil Hitler" und am Unterricht teilnehmen durfte ohnehin nur, wer einen einwandfreien Ariernachweis hatte. Der Ariernachweis war während des Nationalsozialismus das wichtigste Dokument. Es wies mittels eines Stammbaumes nach, dass man über 3 Generationen "rassenrein" war, das hieß: Keine Ausländer, keine Juden, keine Homosexuellen, keine Behinderten durfte es in der Familiengeschichte geben. Sonst sah es duster aus. Ich hatte Glück und passte in das hiesige Bild der damaligen Weltanschauung. 

Trotz aller harten Arbeitsdienste liebte ich meinen Beruf und schloss meine Ausbildung nach 3 Jahren mit Auszeichnung ab.

Ich wurde dann nach Schmölln versetzt und bekam eine Chance, die ohne einen glücklichen Zufall nicht möglich gewesen wäre. Ich bekam eine Anstellung als 1. OP- Schwester, ein Umstand den ich der Kriegszeit zu verdanken hatte. Es gab einfach zu wenig ausgebildete Schwestern. Die gut ausgebildeten Fachkräfte wurden in den Lazaretten oder an der Front gebraucht. So ergatterte ich also diese Traumstelle, als die dortige Op- Schwester ins Rentenalter eintrat. Sie arbeitete mich einen Monat lang ein und übergab mir dann die volle Verantwortung. Anstatt auf Station anzufangen, wie es als ausgelernte Schwester üblich war, hatte ich direkt die Möglichkeit mich zu beweisen. Ich freute mich und war sehr glücklich.

Jedoch sollte schon bald die für mich traumatisierendste Zeit meines Lebens auf mich zukommen.

Der Krieg wurde immer unerbittlicher und mittlerweile hatten wir jeden Tag Fliegeralarm.

Wir bekamen Schwerverletzte von überall her, vor allem aus dem 60 Kilometer entfernten Leipzig, was fast täglich bombardiert wurde.

Der Schmerz, das Leid, der Tod den man täglich zu Gesicht bekam, wenn die Schwerverletzten zu uns gebracht wurden, zerfetzt, ohne Gliedmassen oder entstellt, war unbeschreiblich. Es ist mit der normalen Arbeit als Schwester in keinster Weise vergleichbar. Auch wenn man da sicherlich auch immer wieder mit schweren Schicksalen konfrontiert wird, ist es jedoch nichts im Vergleich zu den hunderten Menschen die man täglich nur noch beim Sterben begleiten konnte.

Die Schreie, die durch die Stationen drangen, das Wimmern der Verwundeten werde ich niemals vergessen und ich hielt mich damals nur mit dem Gedanken über Wasser, dass diese Menschen mich brauchten. Ich sah mein Bett, genauso wie meine Kolleginnen, nur selten und arbeitete bis zur Erschöpfung. 

Ich versuchte den Menschen Mut zu machen, die durch den Krieg nicht nur ihr Hab und Gut verloren hatten, sondern oftmals auch ihre ganze Familie. Nun lagen sie hier notdürftig auf einer Trage und mussten noch um das eigene Leben bangen. Diese Zeit prägte meinen Charakter sehr. Ich lernte Demut, Dankbarkeit und Nächstenliebe auf eine so brachiale und existenzbedrohende Art, dass ich sie nie wieder vergaß. 

Das Geräusch, diesen auf und abschwellenden tiefen Heulton, der mir durch Mark und Bein ging, und die Bevölkerung vor einem Fliegeralarm warnte, durchdringt mich noch heute manchmal unverhofft. An einem Samstag Nachmittag, ich hatte gerade meinen Schichtbeginn angetreten, hörte ich ihn wieder. Das unerbittliche Heulen, was Unheil und Tod heraufbeschwor. Während es für die Bevölkerung jetzt hieß, sich in Sicherheit zu bringen, wenn möglich einen Luftschutzbunker aufzusuchen oder andernorts Schutz zu suchen, hieß Fliegeralarm bei uns im Krankenhaus Ausnahmezustand. Alle Arbeiten wurden eingestellt, Anstehende Operationen wurden soweit möglich verschoben und jeder wurde dort eingesetzt, wo er jetzt gebraucht wurde. Es spielte keine Rolle, ob Schwesternschülerin, Oberarzt oder Pflegekraft, jetzt waren wir alle gleich. 

An diesem Samstag, den ich nie wieder vergessen sollte und der mich noch heute, mit 95 Jahren nachts mit Alpträumen heimsucht, wurde ich auf die Entbindungsstation gerufen. Hier lagen die Wöchnerinnen die gerade entbunden hatten und ich war froh, hier zu sein. Es war ein Ort voll neuen Lebens. So friedfertig und glücklich. Draussen schwoll der Alarm an und uns blieben nur noch wenige Minuten. Ich sollte die Frauen nacheinander in den Luftschutzkeller des Krankenhauses bringen. Manche waren schon wieder so gut beinander, dass Sie mit ihren Säuglingen im Arm selber laufen konnten, die meisten jedoch musste ich einzlen in ihrem Bett nach unten schieben. Nicht enden wollende düstere Flure, die wir entlanghetzten und die Angst im Nacken, noch alle rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Wir waren fast fertig, es waren nur noch zwei Betten übrig. In einem lag eine junge Frau Anfang 20, sie war gerade ins Zimmer gebracht worden und hatte soeben einen wunderschönen Jungen entbunden. Auf ihrem Gesicht sah man Stolz und Erschöpfung. Ich sah draußen an den Fenstern Tiefflieger vorbeiziehen, ich hörte und spürte die Detonationen und fühlte mich nie wieder dem Tod und dem Leben so nah. Ich beeilte mich, klaubte alles zusammen, was ich für die frischentbundene Frau unten im Luftschutzbunker gleich brauchen würde. Ein paar sterile Tücher, ein paar Schmerzmittel und... ich hörte Schüsse, meine Kollegin schrie wie am Spiess und brachte sich in Sicherheit. Das Fenster zerbarst in tausend Stücke und um uns rum war Staub, Lärm und Splitter. Immer wieder hörte ich die Schüsse, man schoss aus dem Flieger mit MG-Waffen und auch wenn wir als Krankenhaus eigentlich nicht angegriffen wurden, weil diese Gebäude auf dem Dach mit einem grossen Kreuz versehen waren und somit signalisierten, dass sie zu verschonen waren, störte man sich nicht daran. Man schoss. Mein Körper war übersät von Glasscherben, ich spürte das Blut auf meinem Gesicht und betastete mich vorsichtig. Es schien als sei alles in Ordnung. Ich sprang auf und erinnerte mich daran, dass die Mutter mit ihrem Sohn vor dem Fenster lag. Ich lief zu ihr, sah kaum etwas, mir war übel und schwindelig. Ich werde nie vergessen was ich sah, das Blut, und das Grauen. Die Mutter war ohnmächtig, weil ihr Baby, was eben noch rosig und geborgen in ihrem Arm lag durch einen Streifschuss in den Kopf getötet wurde. Ich sah sie, ich sah den zerfetzten kleinen Menschenkörper und wäre am liebsten weggerannt. Aber ich riss das Bett fort und rannte mit der Frau und ihrem toten Kind los. Im Luftschutzbunker angekommen, spürte ich wie meine Beine unter mir nachgaben. Ich war am Ende und doch hatte ich keine Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Überall waren Verwundete und brauchten uns und das Schicksal des kleinen Konrad, so las ich jetzt auf dem Bettpfosten, und seiner Mutter wischte ich weg, Bis heute trage ich an diesen Schicksalen. Ich habe so viele Situationen wie diese erlebet und alle im gleichen Augenblick verdrängen müssen um meinen Verpflichtungen nachkommen zu können, helfen zu können, Leben retten zu können, von denen die noch eine Chance hatten, dass ich es nicht mehr zählen kann. Erst viel später, Jahrzehnte danach merkte ich, wie diese Pein sich seinen Raum suchte. Ich arbeitete in den Kriegsjahren wie eine Maschine, Fliegeralarm, Luftschutzbunker und anschliessend kamen die Verwundeten Zügeweise an. Die meisten verstarben bevor sie von uns Hilfe bekamen So stieg ich tagtäglich über Tote und Schwerstverlzte und versuchte, nicht daran zu zerbrechen. Viele meiner Kolleginnen verließen das Krankenhaus, zerbrochen an dem Leid, depressiv und verstört, einige nahmen sich das Leben. Ich harrte aus, hielt durch und überstand die Zeit bis zum Ende des Krieges. Der 08. Mai 1945, der Tag als das Grauen ein Ende hatte, ist für mich bis heute unvergesslich. Ein paar Monate später, im Juli verließ ich das Krankenhaus vollkommen entkräftet, psychisch ausgelaugt und körperlich ausgebrannt und ging zurück nach Eisenach, um mich in meinem Elternhaus von den Gräueln zu erholen. 

Für mich sollte jetzt schon bald die Zeit des privaten Glücks beginnen, denn schon bald trat mein zukünftiger Mann in mein Leben. 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Josefine (Sonntag, 10 Juni 2018 15:26)

    Ich habe wirklich gerade Tränen in den Augen. Eine wahnsinnige Geschichte und in der heutigen Zeit unvorstellbar das man sowas erlebt hat.

  • #2

    Antonia (Sonntag, 10 Juni 2018 19:59)

    Ich bin immer ganz roh wenn die Geschichte deiner Oma weitergeht und warte gespannt auf jeden Eintrag. Für mich total unvorstellbar wie es gewesen sein muss in der damaligen Zeit gelebt zu haben, wie dankbar wir uns schätzen dürfen so behütet zu leben.

  • #3

    Caro (Sonntag, 10 Juni 2018 20:47)

    Oh mein Liebe, dass hast du wieder so unfassbar schön geschrieben. Es macht einen sprachlos....

  • #4

    Wilia (Freitag, 22 Juni 2018 20:37)

    Wow! Das ist so eine Wahnsinns Geschichte die deine Oma da erlebt hat. Wie gut es uns doch heute geht..