Warum ein Jurastudium nicht immer elitär ist.

Als ich 2006 mit 19 Jahren endlich mein Abitur in den Händen hielt, waren meine Träume gross und meine Erwartungen an das, was das Leben so für mich bereit zu halten hat, nie enden wollende Ansprüche auf Glück und Glückseligkeit. 

Kurz gesagt, ich war mir ziemlich sicher, dass mein Leben eine Version von "Natürlich Blond" werden wird. Nur ohne den Chihuahua. Tja, ganz so wurde es nicht. 

Im Oktober zog ich aus dem beschaulichen Eisenach hinaus in die grosse Welt. Naja, nach Jena. Ich teilte mir mit meiner damals besten Freundin eine WG und ging voller grosser Erwartungen zur ersten Vorlesung. Im Gedanken sah ich mich schon Richterin, Anwältin und Welteroberin sein. Am besten alles auf einmal natürlich. Meine Begeisterung hielt leider nicht sonderlich lange an, denn sehr schnell stellte ich fest, dass so ein Studentenleben eigentlich nur dann schön ist, wenn man auch etwas im Kühlschrank hat. Wenn man die Gesetzbücher, die man braucht auch kaufen kann, weil die Bibliothek nicht für alles eine gute Idee ist.  Warum dauert das mit dem blöden BAföG Bescheid also so lange?

Damals ahnte ich noch nicht, dass mein Jurastudium eine der härtesten Herausforderungen meines Lebens werden sollte. 

Ich wuchs behütet bei meinen Grosseltern auf, umgeben von Tieren und Natur auf einem Bauernhof inmitten des Thüringer Waldes. Meine Eltern haben schon sehr früh festgestellt, dass sie eigentlich mehr Interesse daran haben, ihr Leben vor die Wand zu fahren statt ein Baby zu versorgen. Meine frühe Kindheit war also durchzogen von Krankenhausaufenthalten und Arztbesuchen, weil meine Mutter es witzig zu finden schien, mich zu verprügeln, die Treppe hinunter zu werfen oder mal zu testen, wie viele Schmerzmittel so ein Säugling eigentlich verträgt, bevor er bewusstlos wird.

Irgendwann, ich war etwa ein Jahr alt und glücklicherweise noch nicht tot, entschied sich meine Mutter zu Gunsten der Wodkaflasche, mich nicht mehr aus der Kinderkrippe abzuholen. ich wurde ein fall fürs Jugendamt und kam zu meinen Grosseltern. Klingt erstmal traurig, war aber das Beste was mir passieren konnte und bis heute gab es keinen Tag, an dem mir eine Mutter oder ein Vater gefehlt haben. ein Kind vermisst nichts, was es nicht kennt, wage ich aus meiner Erfahrung zu sagen. Es ist ziemlich egal, von welcher Person Fürsorge, Liebe und Geborgenheit kommt und ob man Mama oder Oma sagt.

Ich wurde mit so viel Wärme und Geduld grossgezogen, dass die schrecken meiner ersten Lebensmonate bald vergessen waren. Ausser halbjährliche Besuche des Jugendamtes erinnerte bald nichts mehr daran, dass ich eigentlich ein verdammt ungewolltes Kind war. 

Bis zu dem Tag, als ich anfing zu studieren und dafür die Einkommensbescheinigung meiner Eltern brauchte. Überflüssig zu sagen, dass ich natürlich keine Adresse hatte, an die ich den auszufüllenden Antrag hätte schicken können. Also begann zunächst die Suche nach der Meldeadresse und das sollte erst der Anfang sein. Meine Eltern liessen sich weder mit Mahnungen oder Vollstreckungsandrohungen des BAföG-amtes unter Stress setzen. Sie lebten ihr asoziales Leben und konnten sich zwischen selbstgedrehten Zigaretten und Wodkaflaschen nicht vorstellen, dass die Tochter die sie in einer Schnapslaune gezeugt hatten, vielleicht einmal nicht mal mehr wusste, wie sie die Mietrückstände ausgleichen sollte, die sich anhäuften. Glücklicherweise bekam ich nach 4 Monaten eine Vorschusszahlung und konnte somit wenigstens die angefallenen Schulden decken. Aber so sollte das nun jedes Jahr wieder aufs Neue beginnen. Wann immer die Überprüfung des BAföG-Bescheides fällig war, konnte ich mir sicher sein, erst nach  mehreren Monaten und nach geglückter Zwangsvollstreckung die einkommensbescheiniung zu bekommen. Dass man gesetzlich nämlich erst einen Anspruch auf Vorausleistung der BAföG-Zahlung hat, wenn ein Anspruch besteht, ist eine echte Krux. Denn um das festzustellen, bräuchte man wiederum das Einkommen oder zumindest Anhaltspunkte, die dies darlegen. Ein Fehler im System, der mich bereits fast im ersten Semester scheitern liess. Angst davor, dass meine Eltern für mich aufkommen müssten, hätten sie mit ihrer Sozialhilfe sicherlich nicht haben müssen. Warum also das ganze Theater?

Ich habe nie mit meinen Eltern geredet, nie erfahren warum sie mich nicht wollten. Ich habe sie nie dafür verurteilt mich nicht gewollt zu haben, vielleicht auch weil ich einfach bis heute nicht glauben möchte, dass man sein Kind so wenig lieben kann, dass man in Kauf nimmt, es mit seinen Aktionen umzubringen. Meine Emotionen bezüglich meiner Eltern waren also immer neutral, bis zu meinem Studium. Denn was ich ihnen wirklich übel nehme, ist die Tatsache, dass sie mir auch als erwachsene Frau noch Steine in den Weg legten und durch ihre Rücksichtslosigkeit in Kauf nahmen, dass ich mein Studium aufgrund finanzieller Einbussen aufgeben musste. Das Leben meiner Eltern besteht aus Arbeitslosigkeit, zu verbüßenden Haftstrafen und Asozialität. Nichts wofür man stolz sein kann, nichts womit man hausieren möchte. Ich rede darüber so frei, weil es nicht mein Leben ist und auch wenn sich viele von mir aufgrund dieser Tatsache abwendeten, so ist das leben meiner Eltern nicht das, was mich ausmacht.

Und trotzdem stand ich jetzt mit 19 da und wusste nicht, wo ich das Geld für die nächste Mahlzeit hernehmen sollte. Meine Kommilitonen hatten zwar auch alle eine schmale Studentenkasse, aber auch Eltern die einsprangen, wenn es mal nicht reichte, die Bücher oder Arbeitsmaterialien zahlten und generell den Druck nahmen, zu überleben. Wie es sich anfühlt, Existenzängste zu haben, ist eines der essentiellsten Gefühle, die ich damals kennenlernte und eines der prägendsten. 

Und ein weiteres Problem, auf das ich mich nicht eingestellt hatte, war die Tatsache, dass ich neben meiner desaströsen finanziellen Situation auch noch einen anderen sehr grossen Nachteil hatte: ich war ein Arbeiterkind. Ein Problem, welches ich selber nie sah, eine Kategorie in der ich nie dachte, machte mir noch zusätzlich die Studienzeit schwer. ich war in meiner grossen Familie die Erste, die Abitur machte und war allein damit schon einzigartig. Auf dem Bauernhof brauchte es Landwirte, Macher und Arbeiter, und keine Denker. Trotzdem wurde ich von meiner Familie unterstützt. Mein Onkel setzte sich in die Elternsprechstunden, paukte mit mir für das kleine Latinum und meine Oma hielt die ganze Familie mit ihrem Stolz und ihrem Kampfgeist zusammen. Sie lehrte mich, dass ich mich niemals von den Grenzen anderer davon abhalten lassen sollte, meine Ziele zu verwirklichen und auch wenn sie sich sorgte, ob das mit dem Abitur alles so klappt, sie bestärkte mich jeden Tag in dem, was ich tat. Ich bin mir bis heute sicher, dass sie am Tag meines Abiturballes aufgeregter und stolzer war als ich. Als ich dann aber von meiner fabelhaften Idee erzählte Jura zu studieren, kam erst mal Gelächter auf. Daran glaubte nun wirklich keiner in meiner Familie so richtig. Die kleine maria, die Kälbchen fütterte, Kuhställe ausmistete und einen Ausritt jeder Party vorzog, wollte also so eine Paraghraphenreiterin werden. Das war das erste Mal, dass ich von meiner Familie eher Skepsis als Bestätigung erfuhr. Aber wie immer wenn ich etwas unbedingt wollte, setzte ich mich durch und schrieb mich ein. Und ich dachte, damit seien alle Hürden genommen. Dass ich vollkommen alleine da stand, weil ich weder Eltern noch Geschwister hatte, die wussten wie das mit dem Studium so läuft, wie man an die tollen Pflichtpraktika kommt oder eben mal einen anriefen der jemand kennt, der jemand kennt, der jemand kennt, um ein paar Semester im Ausland zu studieren, hatte ich nicht bedacht. Nun sind Rechtswissenschaften nicht das dankbarste Fach, wenn es darum geht, die Idee learning by doing zu verfolgen. Die Dozenten und Professoren Liessen einen prinzipiell wissen, dass man sehr wahrscheinlich eher als Taxifahrer denn als Jurist endet und man sich die Sache mit dem Richteramt gleich mal abschminken solle. 

Glücklicherweise war ich schon immer ein Mensch, der daran wächst, wenn andere ihn unterschätzen. Ich sah es überhaupt nicht ein, aufzugeben. Ich quälte mich durch Repetitorien, Arbeitsgruppen, Hausarbeiten und mehr. Ich lebte von 35 Euro die Woche, welche mir abzüglich meiner Miete und Nebenkosten noch blieben. Ich ging arbeiten, wenn ich die Zeit fand. Und ich hatte Spass. Ich lebte zwar nicht das Studentenleben, was ich mir ausmalte, mit tollen Picknicks und schönen Cocktailabenden, aber ich genoss diese Zeit so gut es ging. Ich glaube, es gibt viele Studenten, die sich ihren Speiseplan nach dem Geldbeutel zusammen stellen und ihre Freizeitaktivitäten nach dem Kostenpunkt. Ich glaube, dass ich damit nicht alleine dastehe und dass es vielen sicher ähnlich ging oder noch schlechter. 

Rückblickend bin ich stolz, mein Studium trotz dieser Wiedernisse gemeistert zu haben. Wenn gleich ich bis heute Schulden habe, die zurück bezahlt werden wollen. Das liegt nicht allein an den BAföG-Rückzahlungen, sondern auch an Einigen dummen Entscheidungen, die ich in meinem jugendlichen Leichtsinn in Verbindung mit der teilweise bedrohlichen Lebenssituation traf.

Meine Oma, die bis zum 67. Lebensjahr als Krankenschwester arbeite, musste sich mit einer schmalen Rente über Wasser halten und ihr zuzumuten, auch nur die 250 Euro für mein WG-Zimmer aufzubringen, das wollte ich nicht. Ausserdem war sie bereits damals schon 81 Jahre und hatte ihr gesamtes Rentenalter für mich geopfert. ich wollte nicht, dass sie sich jetzt auch noch sorgen muss, ob ich über die Runden komme. 

Also häufte ich Schulden an, ging arbeiten, wann immer mein Studium es erlaubte und quälte mich durch die Vorlesungen. Ich war zu jung, vielleicht zu stolz um mir Hilfe zu holen oder mit anderen darüber zu sprechen. Ein Fehler den ich bis heute als einziges wirklich bitter bereue.

Als ich dann begann, im Arbeitsleben Fuss zu fassen, entwickelten meine Eltern ein ganz beachtliches Interesse an mir. Da ist ja jetzt plötzlich eine Kuh, die man melken konnte. Heute bin ich diejenige, die einmal im Jahr mein Einkommen offen legen muss, um meine Eltern finanziell zu unterstützen. Unterhalt steht ihnen zu. Gesetzlich. Welch Ironie, genau mein Humor.

Heute kann ich mit Stolz auf mein Studium zurückblicken und auch wenn das Leben anders spielt und ich meine Berufung in der Gastronomie gefunden habe und eher von einer Wirtschaft träume als von Gesetzesbüchern, bereue ich nichts. 

Leider teilen nicht alle meine Auffassung davon, dass man sich erst einmal die Geschichte eines Menschen anhört, bevor man über ihn urteilt. oft wurde ich schief angeschaut, weil ich offen damit umgegangen bin, dass ich Eltern habe, die nicht der Norm entsprechen, dass ich Schulden zu begleichen habe und dies nicht das Resultat daraus ist, dass ich meinen "Lifestyle" ein wenig pimpen wollte. Mir hat all dies gelehrt, dass jemand der Schulden hat, immer auch eine Geschichte erzählen kann.

Wieviele Jobs ich nicht bekommen habe, weil ich offen damit umging, wieviele Jobs ich in der Vergangenheit in der Probezeit verlor, weil man keinesfalls jemanden beschäftigen wollte, bei dem auch mal das Risiko einer Lohnpfändung auftrat, das lernte ich auch auf die harte Tour. Es ist schwer, seine Altlasten loszuwerden wenn einem Arbeit verwehrt wird, obwohl genau das essentiell ist. Ich habe erfahren, dass man gerne Geschichten hört, in denen Leute stark sind, sich an den Haaren aus dem Dreck zogen, dass man aber lieber nicht mit Menschen zu tun haben möchte, die sich gerade in genau der Situation befinden.

Es lohnt sich trotzdem, nicht aufzugeben und ich bin heute 11 Jahre nach Aufnahme meines Studium für jede Lektion meines Lebens dankbar. sicher, so manche hätte nicht derart hart ausfallen müssen und ja, ich finde ich hätte einiges, was mir widerfahren ist, nicht verdient. Aber was heisst schon verdient? Wer verdient es, Krebs zu bekommen, seine Eltern zu verlieren oder obdachlos zu werden? Ich glaube, niemand verdient was ihm zustösst, aber wir müssen alle einen Weg finden, damit umzugehen. 

Ironischerweise hat mich der liebe Gott nicht nur mit Kampfgeist und Ehrgeiz ausgestattet, sondern neben einem schlechten Stoffwechsel und einer Vorliebe für Pommes, auch mit einem Lieblingsgetränk, das jenseits dessen liegt, was ich mir leisten kann: Champagner.

Eine Flasche Moet liegt bei mir immer im Kühlschrank. Weil ich finde, dass die 35 Euro, die ich dafür investiere, mich für etwas belohnen, was ich jeden tag hart erarbeite. Nämlich mein Leben.

Worin jemand seine Befriedigung und seinen Ausgleich findet, was ihn umtreibt oder was ihn glücklich macht, ist unterschiedlich und so individuell wie der Mensch selbst. Und von dem, was mir am Ende des Monats zur freien Verfügung bleibt, kann ich immer noch selbst entscheiden, was ich mir leiste. Am ende sollte es etwas sein, was mir das Gefühl gibt, etwas besonderes geschafft zu haben und diesen ganzen Scheiss durchstehen lässt, den man Leben nennt.

und wenn das eine Flasche Moet kann, dann ist das für mich vollkommen legitim. 

Kommentare: 9
  • #9

    Steffi (Donnerstag, 28 Juni 2018 01:06)

    Ein toller Beitrag.,er macht wirklich Mut seinen Weg zu gehen, egal auf welche Wiedernisse man stößt.

  • #8

    Daisy (Samstag, 26 Mai 2018 13:57)

    Danke das du uns an diesem sehr privaten Thema teilhaben lässt. Ic studiere im 8 Semester Politik und bin in meiner Familie auch die erste die an die Uni ging. Ich weiß genau wie sich das anfühlt und kann nur bestätigen das es nicht einfach ist. Dafür habe ich aber sonst alle erdenkliche Unterstützung meiner Eltern und somit noch größeren Respekt vor deiner Leistung. Du hast großes geschafft!

  • #7

    Verena (Mittwoch, 16 Mai 2018 18:51)

    Du solltest ein Buch veröffentlichen, Dein Schreibstil ist großartig und deine Geschichten lesen sich so nett.

  • #6

    Riccarda (Montag, 14 Mai 2018 13:54)

    Ich studiere auch gerade und bin auch ein Arbeiterkind. Auch wenn ich keine Existenzängste haben muss, weiß ich genau was du beschreibst. Man ist alleine unter seinen Kommilitonen und ich bin dankbar das du das veröffentlicht hast. Soviel Mut ist wirklich Wahnsinn.

  • #5

    Anonym (Samstag, 12 Mai 2018 22:51)

    Oh man! Ich weiß gar nicht was ich schreiben soll. Ich finde das ist so härter tobak, das meine Wort mir regelrecht hohl vorkommen. Ich kann dir nur meinen größten Respekt aussprechen. Du bist ein wirklich fantastischer Mensch. Egal was mit deinen Eltern sein mag.

  • #4

    Markus (Samstag, 12 Mai 2018 20:17)

    Bin durch Zufall auf dein Instagram Profil gestoßen und auf dem Blogpost gelandet. Respekt wie du das alles gemeistert hat und wie offen du darüber redest

  • #3

    Anne- Sophie (Samstag, 12 Mai 2018 19:55)

    Ich hab mit mir gehadert das es mir schlecht geht und mein Studentenleben hart sei. Wenn ich das so lese weiß ich eigentlich gar nicht worüber ich mich beschwere. Wahnsinn Maria was du alles meisterst!

  • #2

    Melanie (Samstag, 12 Mai 2018 19:34)

    Chapeau� Ich ziehe den Hut vor soviel Kraft, Stärke, mut und Willenskraft. Jeder von uns hat seine Geschichte und wer andere Verurteilt ohne denjenigen zu kennen, sollte sich zum Teufel scheren.
    Maria bleib so wie du bist, denn genau so bist du richtig.
    Ganz liebe Grüße

  • #1

    Susi (Samstag, 12 Mai 2018 19:34)

    Wahnsinn, was du in deinem Leben alles ertragen, erdulden und meistern musst. Ich bin ganz schockiert darüber was ich da über deine Eltern las und umso mehr bewundere ich wie du deinen Weg gehst. Du bist wirklich ein Vorbild.