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Wie es war, als der zweite Weltkrieg begann und ich beschloss Krankenschwester zu werden.

1939 beendete ich die Volksschule und hatte mir in den Kopf gesetzt Krankenschwester zu werden. Doch bevor ich meine Lehre im Krankenhaus beginnen konnte, musste ich erst einmal das vorgeschriebene Pflichtjahr absolvieren, in dem die jungen Frauen damals vor allem auf die spätere Haushaltsführung vorbereitet wurden. Hier sollte ich nun kochen, waschen und bügeln lernen, aber auch alle anderen Tugenden, die eine gute Hausfrau damals ausmachten. 

Neben meinem Pflichtjahr musste ich auch noch einen Weißnäh- Kursus absolvieren. Jede angehende Krankenschwester war dazu verpflichtet, es sollte gewährleisten, das wir unsere Schwesterntracht jederzeit selbst in Schuss halten konnten. Und wäre das nicht alles schon genug, lief parallel noch meine Berufsschule mit der Theorie. Das alles absolvierte ich mehr oder weniger gleichzeitig um überhaupt meinen Wunschberuf ergreifen zu können. Denn damals hatte man nicht seine Zeit in der Berufsschule nicht nur während der Lehre, sondern man musst die meiste Theorie schon vorher erbringen um nachweisen zu können, das man überhaupt für den Beruf geeignet ist. 

Das war eine sehr arbeitsreiche Zeit in der ich oft von morgens um sieben bis abends um sieben unterwegs war Um meine Pflichten zu erledigen. Am Wochenende unterstützte ich natürlich meine Mutter rin der Haushaltsführung und kümmerte mich um meine kleinen Geschwister. Freizeit, so wie man es heute bei den jungen Leuten kennt, hatte ich nie. Die Zeit die ich für mich hatte, war die Stunde abends vor dem Einschlafen. Da lag ich mit einer Petroleumleuchte im Bett und las. Etwas was mir eine kleine Flucht aus meinem arbeitsreichen Leben erlaubte. Allerdings musste ich da auch immer darauf achten, meine Geschwister nicht beim schlafen zu stören. Privatsphäre war einfach damals ein Luxus den sich die wenigsten leisten konnten.

in diesem Jahr begann aber nicht nur mein Weg in den späteren Beruf sondern auch der zweite Weltkrieg. Adolf Hitler war an der macht und zu dem Zeitpunkt konnte ich mir noch nicht vorstellen, was alles auf mich zukommen würde und was für eine furchtbare Zeit ich durch den Krieg erleben würde. Auch wenn heute natürlich alle das Ausmass der damaligen Zeit kannten, so war es für uns eine ganz andere Welt die sich darstellte. Hitler war ungemein gut darin, glaubhaft seine Ideologie dem Volk einzutrichtern und man vertraute. Es gab keine Medien oder die Möglichkeit sich mit anderen auszutauschen, die mehr als ein Gartenzaun entfernt waren. was zählte, war die Tatsache, das dieser Mann die grosse Arbeitslosigkeit zu beenden schien und uns in eine glorreiche Zukunft führen würde. Dachten wir. Wir ahnten nicht, was für schlimme Zeiten, für grausame Taten und für Tragödien die nächsten Jahre bereithalten sollten. Ein Jahr später, 1940, merkte ich noch kaum Auswirkungen des Krieges. Wir dachten immer noch alle, er wäre bald vorüber. All die Nachbarsjungen, mit denen ich früher spielte, wurden nach und nach eingezogen und konnten stolzer nicht sein. Sie waren glücklich und froh für ihr Vaterland dienen zu dürfen. Und wir waren uns sehr sicher, das es einen guten Verlauf für unser Land nahm. Wir zweifelten auch nicht, alle gesund und munter und im Gepäck voller Heldentaten, wiederzusehen.

Mein Pflichtjahr und der Weissnäh-kursus lag mittlerweile hinter mir, und auch die gefragte Berufsschulqualifikation konnte ich nun nachweisen. Aber bevor ich nun endlich den Lehrberuf ergreifen durfte, lag noch eine weitere Herausforderung vor mir, von der ich niemals ahnen konnte, wie sehr sie mich fordern würde. 

Es war nämlich auch vorgeschrieben, ein Landjahr zu absolvieren. Dies tat ich auf Gut Nüxei im Südharz. Ich kam im Spätsommer an und wurde direkt in die Erntearbeit eingebunden. Mein ganzer tag bestand von früh um fünf bis abends nach Sonnenuntergang aus Arbeit. Feldarbeit, Gartenarbeit, Viehzucht. Das alles verlangten die Gutsherren mir ab und es brachte mich an die Grenzen meiner Belastbarkeit. ich war gerade 18 jähre alt und auch wenn ich schwere Arbeit von zu hause gewohnt war, zu vergleichen mit der Gutsarbeit war es nicht. Als dann der Winter hereinbrach waren wir vollkommen abgeschnitten von jeglicher Versorgung. Es waren temperaturen von mehr als -30 grad und wir hatten fast einen Meter Schnee. 
Also setzte man mich auf einen gutmütigen Gaul und verlangte mir ab, 5 km ins nächstgelegen Dorf zu reiten um das nötigste zu besorgen. Ich hatte panische Angst vor Pferden und konnte weder reiten, noch war mir der Weg vertraut. Der Gutsherr klopfte dem Tier aufs Hinterteil und fuhr mich an: "Der bringt die schon ins nächste Dorf. Der kennt den Weg." Und tatsächlich pflügte sich das schwere Kaltblut gemächlich seinen weg. Im Dorf angekommen hievte mich der nette Schmied von Max, so hiess das schreckliche Ungetüm, und nahm sich seiner an, bis ich meine Erledigungen getan hatte, Ich lief also von Laden zu laden und versuchte seife, 

Haushaltswaren und Kaffee zu besorgen. Langsam merkte man die Versorgungsknappheit, die der Krieg begann auszulösen. Aber auf dem Gut hatten wir das Glück zumindest gut versorgt zu sein. Wir konnten selber Brot backen, hatten Kartoffeln und selbstangebautes Gemüse und das Schlachtvieh brachte das nötige Fleisch auf den Tisch. Zumindest für die Gutsherrschaft. Für mich blieb das, was mir zugeteilt wurde. Gutes Fleisch war da selten dabei, Aber die Herrin achtete darauf, das ich gut bei Kräften blieb, damit ich nur ja die schwere Arbeit verrichten konnte. 

Nach dem harten Winter lernte ich noch das Schlachten von Hühnern und Schweinen und  stand täglich Knietief im Kuhmist. Melken, Hühneraufzucht, Gänse füttern. ich war nicht mehr als eine billige Magd. Im Juni hatte ich es dann endlich überstanden und ich konnte auch die letzte Hürde als gemeistert sehen. Nun stand meiner Lehre nichts mehr im Wege. Mittlerweile war es 1941 und der Krieg war in vollem Gange. Zuhause kam täglich Feldpost und reihenweise brachen die nachbarsmütter zusammen wenn sie erfuhren, das ihre Söhne gefallen waren oder als vermisst gemeldet wurden. Da ich die älteste war, bleiben meine Brüder aufgrund ihres Alters glücklicherweise verschont vom Kriegsdienst. Noch ahnte keiner, das dies erst der Anfang war und das die kommenden Jahre jede Vorstellung des Grauens übertreffen würde.

Ich brach auf, mit großen Hoffnungen und voller Träume im Gepäck, zu meiner Lehrstelle am Krankenhaus in Greiz. Ich wusste noch nicht, das es die härteste Zeit meines Lebens werden sollte. 

 

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Juliane S. (Samstag, 28 April 2018 16:08)

    Ich wünsche mir immer das die Artikel deiner Omi nie Enden. Das Ist so ein spannender Einblick in eine völlig fremde Zeit. Ich Guide das es ganztags noch viel mehr von ihr gibt.

  • #2

    Anonym (Samstag, 28 April 2018 16:37)

    Wieder toll geschrieben. Das Schreiben liegt dir.

  • #3

    Johanna (Samstag, 28 April 2018 17:41)

    Toll Maria! Du bist so eine fabelhafte, wunderbare, aufrichtige Person. Ich wäre so gern wie du.

  • #4

    Mom of 3 (Samstag, 28 April 2018 22:38)

    Ich brenne auf mehr. So spannend und interessant zu lesen. Man kann sich das heutzutage gar nicht mehr vorstellen was deine Oma da durchmachen musste.

  • #5

    Anastasia (Sonntag, 29 April 2018 11:48)

    Hoffentlich gibt es bald eine Fortsetzung. Das Leben deiner Oma ist Bestsellerverdächtig.