Wie es war, als ich damals nach München kam.

Als ich 2014 nach München kam, tat ich das alleine. Ich bewarb mich auf einen Job in einer grossen Münchner Traditionsgastronomie als Restaurantleiterin und bekam die Stelle. Weil ich unsicher war, ob mir der Job und die Stadt gefällt, aber auch ob ich meinem Chef gefalle und die Probezeit bestehe, blieb mein Mann erst einmal in seinem festen Job in Wolfsburg. Wir hatten dann also 2 Wohnungen, 600 Km Distanz zwischen uns und ich war alleine in einer Millionenstadt. 

Machbar mit 27 Jahren, möchte man meinen. 

Für mich war es aber wie ein Kulturschock. Größtenteils lag dies sicherlich auch daran, dass die Arbeit in einer bayerischen Traditionsgastronomie noch einmal ein zusätzlicher Kulturschock ist. Die Kellnerinnen trugen Dirndl, es wurde Weisswurst serviert und ich stand dazwischen und fragte mich immer wieder, ob ich ganz sicher noch in Deutschland sei. 

Und dann war da noch das Problem mit der Berufsbekleidung. Es war Usus, dass die Restaurantleiter ebenfalls Tracht trugen. Aber der Gedanke, ebenfalls ein Dirndl tragen zu müssen, liess mich erschaudern. Ich hatte dankenswerterweise einen Chef, der mir total freie Hand liess, Hauptsache bayerisch sollte es sein. Also zog ich los und war felsenfest davon überzeugt, schon irgendwas anderes zu finden als so ein bayerisches Trachtenkleid.

Kaum betrat ich den Trachtenladen, brachte die geschickte Verkäuferin 10 Dirndl in meiner Grösse und sagte mit breitem Grinsen: "Wir ham noch aus jedem Preissn wos gmacht."

Ein paar Minuten später steckte ich in meinem ersten Dirndl. Ich war unfähig zu atmen und sicher, dass mein Dirndl zu klein sei. Die Dame lachte scheppernd und meinte: "Wenns net atmen kenna, dann sitzt es grade recht."

Und so kam ich zu meiner ersten Tracht.

Als ich sie zum ersten Mal auf der Arbeit trug, schämte ich mich regelrecht, meinen Kollegen und meinem Chef mit einem so freizügigen Dekolletee entgegen zu treten. Weiss man doch aus der Business Etikette, dass Brüste herzeigen eigentlich nur im horizontalen Gewerbe eine gute Idee ist.

Heute, vier Jahre später, freue ich mich über jede Gelegenheit, die Dirndl auspacken zu dürfen. Das Holz vor der Hütte sehe ich mittlerweile gelassen und muss manchmal schmunzeln, wenn ich an damals denke.

oft habe ich das Gefühl, eigentlich eine Münchnerin zu sein, die am falschen Ort geboren wurde. Auch wenn der Anfang hart war und ich mich in meinem eigenen Land manchmal fremd und unverstanden fühlte, so ist es jetzt eine echte (Wahl-) Heimat geworden. 

Als ich 2014 hier ankam, verstand ich weder meine Arbeitskollegen noch die Frau beim Bäcker. 

Wenn ich morgens guter Dinge ein Kürbiskernbrötchen bestellte, schaute die Verkäuferin mich mitleidig an und sagte:" Hamma net. Aba a Kürbiskernsemmel kennans ham." Kaum ist diese Hürde gemeistert, kommt das nächste Problem. Was ist nochmal dieses Haferl? Ich kenne Nur einen Pott Kaffee. 

Zu allem Übel verwechselte ich am Anfang Zamperl (Dackel) mit Haferl (Kaffeepott). Das führte teils zu grossem Gelächter wenn der Preiss beim Bäcker also einen Zamperl Kaffee bestellt. Heute kann ich drüber lachen. Damals war das alles hart. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich nicht nur an eine andere Kultur gewöhnen musste, sondern auch daran, wie es nach 6 Jahren Beziehung ist, auf einem mal 600 km Distanz zu überbrücken. Das man in der Gastronomie dann auch in der Regel eher unter der Woche frei hat, mein Mann aber generell am Wochenende, machte es nicht leichter.

Glücklicherweise hatte ich wirklich nette Kollegen und fand recht schnell Anschluss. Auch wenn man mir immer sagte, in Bayern wird es schwierig sein, als Zugroaste (Zugereiste) Anschluss zu finden, war das Gegeneitel der Fall. Ich konnte nur immer wieder feststellen, daSs alle sehr gastfreundlich waren und sich grosse Mühe gaben, mich zu integrieren. Auch wenn die Kultur hier eher vom liebevollen Granteln geprägt ist, empfinde ich die Menschen oft viel herzlicher als anderswo. Es ist ein wenig wie überall im Leben. Man muss sich bemühen, Anschluss zu finden, sich auf die andere Kultur einlassen und offen sein. Denn das Vorurteil, dass gerade Münchner arrogant und am liebsten unter sich sind, kann ich nicht bestätigen. Ich wurde in Biergärten geschleift, lernte warum es Weisswurst nur bis 12 Uhr gibt und warum man hier Wiesn und nicht Oktoberfest sagt. Auch wenn ich mich manchmal mit der Großstadt schwer tue, so liebe ich die Münchner Lebensart. IM Biergarten sitzen und Schafkopfen, den Feierabend im Englischen Garten ausklingen lassen oder am Wochenende in die Berge fahren. Für mich ist München lebenswert. Trotz der extremen Mietpreise und der schlechten Infrastruktur für die zu schnell gewachsene Bevölkerungsdichte. Es ist ein bisschen wie mit der grossen Liebe. Man meckert täglich aber man kann nicht ohne. 

Und auch wenn es den Job von damals nicht mehr gibt, so bin ich dankbar, das es der Anlass war, hier angekommen zu sein.

 

 

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Kommentare: 11
  • #1

    Julia (Montag, 23 April 2018 20:27)

    Ich hab Tränen gelacht. Bitte mehr davon.

  • #2

    Kristin (Montag, 23 April 2018 20:31)

    Danke das du deine Geschichten teilst - das Schreiben liegt dir :) es macht wirklich Spaß deine Anekdoten zu lesen ��

  • #3

    Susa (Montag, 23 April 2018 21:20)

    Ich. liebe. Deine. Texte!
    Endlich ein Blog der ehrlich und authentisch ist. Und traumhafte Fotos!

  • #4

    Andrea (Montag, 23 April 2018 21:37)

    Ich bin immer aufgeregt wenn ich sehe das es einen neuen Beitrag gibt. Du schreibst so erfrischend und humorvoll das man sich total damit identifizieren kann. Ich hoffe es gibt ganz bald viel mehr.

  • #5

    Anonym (Dienstag, 24 April 2018 00:15)

    Durch Zufall auf deinen Blog gekommen und total begeistert. Einfach total schön zu lesen und do herzlich ehrlich.

  • #6

    Helga (Dienstag, 24 April 2018 12:14)

    Und dein erstes Dirndl war ein Traum und wie für dich gemacht.

  • #7

    Anonym (Dienstag, 24 April 2018 16:43)

    Mehr davon. Du schreibst so humorvoll über dich selbst das man dich einfach mögen muss.
    Und die Bilder sind der wahnsinn

  • #8

    Yanis (Freitag, 27 April 2018 13:28)

    Das liest sich soooo schön. Ich bin auch wirklich schockverliebt in deine Bilddr. Du bist so fotogen.

  • #9

    Anonym (Samstag, 28 April 2018 18:44)

    Toll geschrieben. Und so tolle Fotos. Es macht Freude dich anzuschauen, du bist so authentisch und echt, und wunderschön!

  • #10

    Dedi (Donnerstag, 26 Juli 2018 00:21)

    So schön geschrieben...

  • #11

    Sabrina (Samstag, 18 August 2018 12:56)

    Was für ein cooler und humorvoller Beitrag. Es macht total Spaß denken Posts zu lesen. Weiter so. Ich bin jetzt großer Fan.