Warum Tierliebe auch Verantwortung übernehmen heisst.

Dass ich ein echtes Landmädchen bin, sollte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Dass ich aber auch mit 31 Jahren beim Anblick eines Tieres, hierbei ist es relativ unerheblich ob Ziege, Vogel, Schwein, Kuh oder Pferd, in Verzücken gerate, ist vielleicht nicht ganz so normal. Insofern bin ich aber auch relativ einfach glücklich zu machen. Man stelle mich neben ein Tier und hole mich nach ein paar Stunden wieder ab. 

Umso mehr habe ich mich gefreut, als mir eine liebe Freundin Weihnachten einen Tagesausflug zu Gut Aiderbichl schenkte. Den ganzen Tag Tiere anglotzen und streicheln und dabei keinen Blick auf die Uhr haben zu müssen... Das ist für mich wirklich Luxus.

Nun ergab es sich, dass ich mit Mr. Big vor ein paar tagen recht spontan zu Gut Aiderbichl nach Iffeldorf gefahren bin. Natürlich mit einem mächtig schlechten Gewissen gegenüber meiner Freundin im Gepäck, schliesslich war ich im Begriff, ihr Weihnachtsgeschenk mit einem anderen einzulösen. Aber kaum dort angekommen, stellte ich fest: es gibt 3 besuchsbare Güter und somit hatte ich nur gewonnen. Es springt in diesem Jahr gleich zweimal Aiderbichl für mich raus. 

Schon auf den ersten Blick sprang mein Tierliebhaber-Herzchen höher, als ich die weitläufigen Weiden und die geräumigen Stallungen sah. Überall zwischen den Besuchern hüpften Esel, Schafe und Ponys umher. 

Als 2002 das erste Gut Aiderbichl von Michael Aufhauser in der Nähe von Salzburg gegründet wurde, sollte es eine Begegnungsstätte zwischen Mensch und Tier werden. Hier sollten Tiere ein zuhause finden, die nicht wirtschaftlich sind oder durch ein Handicap keine Chance auf eine Vermittlung haben. Auch verantwortungsvolle Tierhalter, die durch einen Schicksalsschlag ihr Tier nicht mehr behalten können, finden hier Hilfe.

Das Gut wurde bereits im Gründungsjahr ein voller Erfolg und zählte nach kurzer Zeit 200 gerettete Tiere. Innerhalb weniger Jahre wuchs das Projekt auf 23 Güter, wovon man 3 ganzjährig besuchen kann.

Wir waren gestern in Iffeldorf, welches seit 2010 besteht. Hier findet man viele vom aussterben bedrohte Tierarten und bemerkt erst da, wie sehr man sich an "bedrohte Tierarten" gewöhnt hat. Welche fatalen Folgen bereits das Fehlen einzelner Tierarten für das komplette Ökosystem hat, ist glaube ich den wenigsten von uns bewusst. Auch wenn es nur vermeintlich kleine Rädchen sind, die zu fehlen scheinen, sind die Konsequenzen drastisch. Umso wichtiger ist es, sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, was man selbst dafür tun kann, aktiv Umweltschutz zu betreiben.

Gut Aiderbichl ist ein wundervoller Ort, um (seinen) Kindern zu zeigen, was es bedeutet, Verantwortung für Tier und Umwelt zu übernehmen. Mit liebevollen Namensschildern und Geschichten zu den tierischen Bewohnern bekommt man einen Einblick in die Arbeit auf dem Hof. Hier lädt alles zum Anfassen, Erfahren und Lernen ein, und man kann nicht nur Hemmungen abbauen, sondern auch in stressfreier Umgebung erfahren, was konsequenter Tierschutz bedeutet. 

Oft konnte ich die verzückten Gesichter der Besucher beobachten, welche die süssen Kälbchen im Stall streicheln und im Anschluss vielleicht im Restaurant ein "Wiener Schnitzel" geniessen. Ich möchte hier nicht für Vegetarismus/Veganismus eintreten, nicht zuletzt weil ich selbst nichts davon bin, und dies somit gänzlich unauthentisch wäre. Aber ich würde mir wünschen, dass ein wenig mehr Verständnis dafür entstehen würde, wo denn das leckere Schnitzel eigentlich herkommt.

Die niedlichen Kulleraugen des Kälbchens, das man eben noch im Stall geherzt hat, sind nämlich nicht selten in den letzten Minuten seines Lebens vor Panik weit aufgerissen. In der Regel bedeutet Schlachten Stress und Angst für die Tiere. Damit ein Tier möglichst Stressfrei getötet wird, muss ein Bauer/Züchter sehr viel Geld in die Hand nehmen. Da kommen dann weder Tiertransporte noch der 08/15 Verkauf an den Schlachthof in Frage. Eine respektvolle Schlachtung setzt voraus, dass die Wege kurz sind, dass die Tiere je nach charakterlicher Reife einzeln oder in kleinen Gruppen und in Begleitung ihrer Bezugspersonen verladen und transportiert werden. Für 2,99 Euro, welches die meisten für 500 g Hackfleisch bei den üblichen Discountern bereit zu bezahlen sind, ist es einem Erzeuger nicht möglich, dem Tier einen anständigen Letzten Weg zu ermöglichen. Es ist natürlich nicht jedem möglich, sein Fleisch bei einem Landwirt oder Biomarkt seines Vertrauens zu kaufen. Aber es sollte machbar sein, seinen Fleischgenuss zu reduzieren, sich bewusst zu sein, dass man ein Tier isst und dass man auch als Endverbraucher eine gewisse Verantwortung hat. 

Und beim Thema Verantwortung, schliesst sich der Kreis zum Wiener Schnitzel. Schön zart soll es sein, und das Fleisch muss weiss sein, denn nur dann ist es von guter Qualität. Aber wie wird Kalbfleisch eigentlich derart weiss? Eisen färbt das Fleisch rosa und zeigt eine ausgewogene Ernährung. Leider gilt das als Qualitätseinbuße und bringt dem Bauern grosse finanzielle Verluste. Um das gewünschte weisse Kalbfleisch zu bekommen, werden die Tiere nur von Stroh und Milch ernährt um einen Eisenmangel herbeizuführen. Die Kälber leiden unter der Mangelernährung und haben nicht selten Magengeschwüre und benötigen intensive medikamentöse Behandlung. 

Warum ich das erzähle?

Weil ich mir wünsche, das die Tierliebe der Menschen über den nächsten Tierparkbesuch hinausgeht. Dass man sich informiert und Verantwortung für sein Handeln übernimmt. 

Ich bin, wie bereits erzählt, auf einem Bauernhof gross geworden. Ich habe gesehen, wie das Kälbchen, was ich gestern noch fütterte am nächsten Tag auf dem Hof geschlachtet wurde. Ich habe unsere Tiere aufwachsen und sterben sehen, ich wusste immer was ich esse, wenn ich Sonntags das Schnitzel schneide. Ich bin (bis auf eine kurze Phase) nie auf vegetarische Ernährung umgestiegen. Aber ich habe das Bewusstsein dafür mitbekommen, was Verantwortung heisst. Ich habe gelernt, dass ein Schwein nicht nur aus Medaillons und Schweinebraten besteht, sondern dass man auch aus den Innereien und den weniger prominenten Fleischstücken etwas zaubern kann. Mir wurde beigebracht, dass man ein Tier, das für den Menschen stirbt, nicht einfach wegwirft sondern alles verarbeitet. Ich habe neben wundervollen und schönen Kindheitstagen zwischen Kuhstall und Ausritt auch erlebt, wie Kälber geboren werden, Küken schlüpfen, Aber auch wie Tiere von ihrem Leid erlöst werden müssen. Ich habe selbst gesehen, was passiert wenn die Milchpreise zum Überlebenskampf für Landwirte werden und wie discounterfleisch den Schlachtpreis ruiniert. Trotzdem glaube ich fest daran, dass ein Bewusstsein für das eigene Handeln und aufgeklärte Menschen der richtige Schritt zu einer artgerechten Tierhaltung sind und somit auch zu verantwortungsvollem Fleischgenuss führen. 

 

Seid Achtsam.

Eure Münchner Landpomeranze

 

 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Susi (Sonntag, 08 April 2018 10:33)

    Du triffst genau den Richtigen Ton! Es ist beeindruckend zu lesen. Ich gebe zu, ich wusste das mit den Kälbern nicht und ertappe mich bei dem was du schreibst.
    Super, wie du dieses ernste Thema verpackst!

  • #2

    Tina (Sonntag, 08 April 2018 12:24)

    Super Toll geschrieben. Da wird einem klar wie wenig man weiß

  • #3

    Anonym (Sonntag, 08 April 2018 20:14)

    Tolle Fotos! Und aus dem locker leichten Artikel wird ein Beitrag mit großer Botschaft.

  • #4

    Anna- Lena (Montag, 09 April 2018 23:28)

    Wunderbar niedergeschrieben.

  • #5

    Dedi (Donnerstag, 26 Juli 2018 00:20)

    Ein cooler Post!