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Wie es ist, 1923 geboren zu werden.

Am 03.04.1923 wurde ich in Ifta bei Eisenach geboren. Es war gerade Nachkriegszeit des ersten Weltkriegs und es herrschte Inflation. ich war das erste von 8 Kindern und meine Eltern lebten unter recht armen Bedingungen in einem kleinen Häuschen.  1925 zogen wir dann nach Eisenach. Mein Vater arbeitete in einer Spinnerei und verdiente 28 Mark im Monat. Davon bestritt er den Unterhalt für 10 Personen. Trotz Armut fehlte es mir in meiner Kindheit an nichts. Meine Mutter hatte zwar nur wenig finanzielle Mittel, jedoch liess sie sich immer etwas einfallen, um die hungrigen Mäuler zu stopfen. Besonders gerne mochten wir Kinder Muttis selbst gemachte Sahnebonbons. Dafür kochte sie einfach Zucker und Milch zu einem braunen Zuckerblock ein und schnitt ihn uns in Stücke. Schokolade, wie wir sie im heute im Laden kaufen können, gab es damals nur für sehr reiche Familien. 

Meine Kindheit war geprägt von viel Hausarbeit, aber genauso viel Freude hatte ich beim Spielen in der Natur mit meinen Geschwistern. Wenn wir Geschwister allerdings mal Streit hatten, dann wurde es unangenehm. Wir schliefen zu acht in einem Zimmer, immer zu zweit in einem Bett. Meine Schwester Martha beschwerte sich jede Nacht darüber, das ich ihr die Bettdecke klaute. Im Winter war es besonders hart, der kleine Holzofen in der Küche spendete kaum genügend Wärme für uns alle. Das Holz holten wir Kinder immer gemeinsam mit unserem Vater beim hiesigen Förster.

Besonders gross aber war mein Faible für Tiere. ich schleppte ständig verletzte Feldhasen, Vögel und Frösche nach Hause und "verarztete" sie. Manchmal glich unser Schuppen regelrecht einem Tierkrankenehaus. Einmal sammelte ich lauter Nacktschnecken und versteckte sie in der Toilette. Ich wusste, dass mein Vater grossen Ekel vor ihnen hatte. Früher war die Toilette noch ausserhalb des Wohnhauses. Als mein Vater am nächsten morgen in der Dunkelheit zum Lokus lief, hatten sich die Schnecken aus dem Karton befreit und sassen auf der Klobrille. Mein Vater nahm das zum Glück mit Humor. In der damaligen Zeit war das keine Selbstverständlichkeit. Körperliche Züchtigung durch die Eltern gehörte nicht nur zur Tagesordnung, sondern zum guten Ton. Auch in der Schule durften uns die Lehrer noch mit dem Rohrstock für schlechtes Benehmen oder falsche Antworten bestrafen. Meine Schulzeit war hart, jeden Tag musste ich 5 Kilometer zur Schule laufen, egal welches Wetter. Ich bin recht gern zur Schule gegangen, es ermöglichte mir ein wenig Zeit fernab der schweren Arbeit zu Hause. Meine Freundin durfte später das Lyzeum besuchen und ich hätte mir sehr gewünscht, dies auch besuchen zu können. Nicht zuletzt, weil sie eine so schöne Mütze tragen durfte, denn damals gab es noch eine Schuluniform. Das Schulgeld war allerdings unerschwinglich für uns. So blieb ein Abitur nur ein Traum für mich. Denn Schon früh träumte ich davon, eine Karriere als Ärztin anzustreben. Aber mir fehlte nicht nur der Bildungsabschluss, es galt auch als unschicklich, als Frau einen höheren Beruf zu ergreifen. Aber das hielt mich nicht davon ab, von der Ergreifung eines medizinischen Berufs zu träumen. Später sollte sich mein Wunsch erfüllen. Ich ergriff den beruf als Krankenschwester. 

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Nicole (Donnerstag, 05 April 2018 12:46)

    Ich Brenne jetzt schon darauf mehr von Leben deiner Oma zu erfahren. Danke das du ihre Geschichte mit uns teilst. Weiter so meine Liebe!

  • #2

    Susanne (Donnerstag, 05 April 2018 14:07)

    Wundervoll! Es ist so spannend in diese Zeit einzusteigen. Toll das du uns mitnimmst.

  • #3

    Lisa (Donnerstag, 05 April 2018 14:07)

    Ich liebe diese Rubrik jetzt schon und kann es kaum erwarten mehr zu lesen.

  • #4

    Tammy (Donnerstag, 05 April 2018 21:58)

    Spannende Geschichte, ich freu mich auf mehr �

  • #5

    Caro (Samstag, 07 April 2018 20:41)

    Hast du wundervoll nieder geschrieben. So etwas lese ich unfassbar gerne!