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Sind Veganer wirklich immer Trendsetter, Tieraktivisten oder Ökolatschen-Freaks?

Meine Freundin Katja, 37, wohnt in München und hat ein Problem: Sie ist eine Aussenseiterin. Denn trotz der Tatsache das München sich als weltoffene Großstadt gibt und Ernährungstrends so schnell wechseln wie die Kollektionen bei H&M, fällt es ihr schwer spontan irgendwo essen zu gehen. Warum das so ist?

Katja erzählt uns heute wie es dazu kam, dass aus der eingefleischten Steakesserin eine Veganerin wurde. Und von welcher Berufsgruppe sie aus diesem Grund regelmässig ignoriert wird. 

 

In der Hochburg der Lebkassemme und Schweinsbraten ernährst Du Dich vegan? Auweh, Was kannst Du noch essen?

Man bzw ich kommt ja immer mal wieder an einen Punkt, an dem man etwas ändern will. Also, ernährungstechnisch. Zu viele Kilos auf den Hüften, unzufrieden. Mal wieder eine Kur muss her. Ich lese mich durchs Internet, surfe. Und ich lese bereits seit geraumer Zeit einen Blog. Die Bloggerin schreibt: ich schenke meinem Mann zum Hochzeitstag eine 4-wöchige Challenge, ich mache mit und koch das Ganze (er hatte sich das gewünscht). Es war die Vegan for Fit Challenge von Attila Hildmann. Ich denke, ach komm, nö. Vegan? nö. So ein Schmarrn. Kurz darauf im Hugendubel- welches Buch springt mich förmlich an? Natürlich. Ich blättere und denke plötzlich: eigentlich könntest Du das doch mal machen. Und bei sowas fackele ich nicht lange rum, sondern lege los. Kämpfe mich durch Zutaten, von denen vorher nichts wusste und suche mich durch Bioläden. Das war ein Freitag. Am Sonntag wollte ich loslegen. Also gut, Du hast noch ne Schweinelende im Kühlschrank, die muss am Samstag noch weg. Gesagt, getan. Nach ein paar Tagen kommt mein Freund von seiner Geschäftsreise zurück und ich sage zu ihm: Du, ich muss Dir was sagen: ich mache gerade 4 Wochen vegan. Er schüttelt sich vor Lachen: „Vegan?? DU????“ Jep, ich. Lieblingsgericht: Steak mit Salat. Gegen an schönen Schweinsbraten nichts einzuwenden. Ich war wirklich eine eingefleischte Fleischfresserin.

 

Das ist in kurzen Worten der Beginn meiner veganen Reise- und das ist mittlerweile 5 Jahre her.

 

Ich fühlte mich im Prinzip sofort derart gut mit dieser Ernährung, das mir das ganz leicht fiel. Nach 2 Wochen kamen dann die ersten Gedanken auf: sag mal, was machst Du, wenn die 4 Wochen vorbei sind? Plötzlich war der Gedanke, wieder zurück zu Steak, Wurst & Co zu kehren, seltsam.

Direkt anschließend zum letzten Tag der Challenge hatte ich Geburtstag und ich beschloss, einfach zu testen. Wir gingen in ein Lokal und ich aß meine vormalige Lieblingsspeise: Steak mit Salat (in einem Lokal mit Biofleisch ;-)). Es war ganz gut, aber nicht lange danach fühlte ich mich gar nicht mehr so gut. Irgendwie fand mein Körper die Fleischportion nicht gut. Es lag verdammt schwer im Magen und ich fühlte mich nicht wie die 4 Wochen zuvor einfach gut nach einer Mahlzeit. Das bestätigte mich darin, einfach dabei zu bleiben und seitdem ernähre ich mich vegan.

 

Kurz und knapp ist das die Geschichte. Die einen veganen Tierschutz-Aktivisten vielleicht auf die Palme bringt.

Habe ich nicht aus den richtigen Gründen auf vegane Ernährung umgestellt?

 

1. Das ist mir zunächst einmal egal. Essen ist Privatsache. Interessanterweise hat sich früher kein Mensch dafür interessiert, ob ich mich vielleicht jeden von Fertigpizza und hohlen Gerichten ernähre und ob ich somit alle wichtigen Vitamine, Mineral- und Nährstoffe zu mir nehme..

 

2. Ich kam schon während der Challenge nicht mehr an bestimmten Themen vorbei. Themen, die ich fleischfresserisch tunlichst gemieden habe. Wenn ich darüber schreibe, kommen da Bilder in meinen Kopf von Massentierhaltung, geschredderten Küken und der Berg an Tier-Abfällen, die zu Gelatine verarbeitet werden (Guten Appetit, Haribo Gummibären). Ich bin also durchaus auf das Thema sensibilisiert und denke darüber nach. Auch wenn ich es nicht schaffe, Earthlinks zu Ende zu schauen.

3. Vegane Ernährung ist in meinem Fall sehr stark mit Bio verknüpft. Über Bio-Siegel läßt sich vortrefflich diskutieren, keine Frage. Aber das soll jetzt nicht das Thema sein.

In kaufe nur nicht mehr im Discounter. Geiz ist geil und mit dem Benz auf dem Aldi Parkplatz vorfahren ist nicht mein Ding. Wertschätzung von Lebensmitteln hingegen schon.

 

Regional und saisonal so gut es geht. Und ich habe obendrein während der Challenge angefangen, die Inhalte der Produkte, die ich kaufe, zu hinterfragen. Das fing dabei an, dass ich konsequent keine Produkte mehr gekauft habe, denen Zucker zugesetzt ist. Das ist am Anfang eine große Leserei und Sucherei- und eine Wutattacke. Aber ich bestimme immer noch selbst, wo ich Zucker dran haben will und es gibt in den meisten Fällen eine Alternative. Ich finde, Geld für – in meinen Augen- gute Lebensmittel auszugeben wichtiger, als ein schickes Auto zu fahren.

 

 

Am wichtigsten ist mir aber, dass ich meine vegane Ernährung nicht vor mir hertrage, wie ein Prädikat. Das mag ich nicht. Ich habe mich dafür entschieden, aber das heißt nicht, dass nun alle Menschen das müssen. Ich versuche, unkompliziert zu sein. Was soll das Aufhebens? Und da werden mich Aktivisten wieder nicht verstehen: aber ich bin sehr zurückhaltend mit meiner Ernährung und auch Tierschutzthemen umgegangen. Und ich glaube, dass ich dadurch sehr viel mehr Menschen für das Thema sensibilisiert habe. Weil ich nicht an den Pranger stelle. Übrigens auch nicht meinen Freund,der sich weiterhin omnivor ernährt. Der aber so großen Gefallen an den Gerichten gefunden hat, die ich koche, dass es zu Hause nur noch vegane Gerichte gibt. Und sehr schnell begann, noch bewusster seine Lebensmittel auszusuchen und nur noch selten Wurst in den Kühlschrank packt- und wenn, dann bio.

 

Ob ich trotzdem mit Klischees zu kämpfen habe? Kann ich für mich persönlich so eigentlich nicht sagen. Nachdem ich meine Ernährung nicht jedem unbedingt unter die Nase reibe, bleibe ich eigentlich eher verschont. Aber ich lese natürlich oft Sprüche wie „Ihr esst meinem Essen das Essen weg“ oder -sehr originell- isst Du noch Pilze? Da wohnen Schlümpfe drin!!! oder wirklich schlimme Angriffe, denen ich mich gar nicht erst aussetze. Das ist Schwarz-Weiß Denken, was sowohl von militanten Veganern wie auch Fleischessern angeregt wird.

 

Oh halt, ganz vergessen..der Klassiker: warum müsst Ihr all das nachbauen, dass ihr doch nicht mehr essen wollt? Jep, ich versuch dann mal Tofu im Sextaeder Format zu bestellen, wie schon Laubfresser so treffend formuliert hat. Wir sind aufgezogen mit manchen Geschmäckern und Formen (die übrigens so gewählt sind, weil man sie so gut braten kann)- da ist es nicht leicht, einfach alles gehen zu lassen, was man schon kennt. Ich esse, abgesehen von Räuchertofu, eigentlich nicht so viele Ersatzprodukte, die dem Original nachempfunden sind. Zuviel industriell verarbeitet muss ja nicht sein. Jedem das seine.

 

Aber eines muss ich sagen: in der Gastronomie bin ich in den meisten Fällen der Verlierer. Offenbar geht es gegen die Koch-Ehre auch für veganes Essen einfach mal über den Tellerrand hinauszusehen und nicht das furchtbare, immerwährende Thai-Curry zu präsentieren (ich esse das eigentlich gerne, aber ..ich kann es auf einer Speisekarte einfach nicht mehr sehen- außer vielleicht beim Chinesen). Dabei wäre es so einfach. Ich für meinen Teil erwarte gar nicht viel und Ausgefallenes und wenn ich meine Essen gehen zu müssen, dann suche ich mir gezielt Restaurants aus, die entweder vegan sind oder eben ein Angebot auch für mich haben. Aber manchmal geht das eben nicht. Und da heißt es dann: hallo, darf ich vorstellen: die komische Veganerin, die die Speisekarte mal eben selbst aufdröselt und versucht, sich selbst ein Essen zu basteln-und natürlich damit nerve- und selbst genervt bin. Denn ich habe eigentlich keine Lust, das halbe Essen über im Mittelpunkt zu stehen und bemitleidet zu werden, dass ich ja nichts essen kann- was ja eben eigentlich nicht der Fall ist. Naja, ich mache weiter und wenn vielleicht noch ein paar Leute mehr dran bleiben und nachfragen, dann wird sich das vielleicht auch bessern. Aber eben nachfragen und nicht einfach nur beschweren..

 

 

Und wer jetzt Lust auf ein bisschen Vegane Küche bekommen hat, der findet hier vielleicht ein paar Anregungen wie das ganze so funktionieren könnte...

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Kommentare: 7
  • #1

    Susi (Freitag, 20 Juli 2018 11:21)

    Toller Artikel!
    Mein Freund ist auch Veganer seit 3 Monaten. Ich find das nicht schlimm. Schlimm find ich das die meiste Veganer permanent belehren wollen und es überhaupt nicht abkönenn das andere etwas anderes essen. Oft denke ich denen ist die Toleranz abhanden gekommen.

  • #2

    Jan (Freitag, 20 Juli 2018 11:53)

    Ich bin Koch und kann die Schilderung nicht nachvollziehen. Wenn es der Dame tatsächlich so geht, dann finde ich das für meine Kollegen sehr beschämend. Wir Köche haben doch Liebe zu jedem Lebensmittel und es ist doch gerade unsere Ehre aus jedem etwas zubereiten zu können. Ob im privaten Bereich oder in unserem Arbeitsbereich. Ich hoffe sehr, das Katja bald andere Erfahrungnen machen kann.
    Übrigens: Das Atelier im Bayerischen Hof geht auf jeden (veganen) Wunsch ein.

  • #3

    Kerstin (Freitag, 20 Juli 2018 12:12)

    Ein großartiger Beitrag! Ich verfolge deinen Blog seit der ersten Stunde, meist als stille Leserin. Und ich folge sehr vielen Blogger*innen- keiner schafft es so tolle und interessante Themen authentisch aufzuarbeiten. Weiter so!

  • #4

    JuJu (Freitag, 20 Juli 2018 13:18)

    Ich bin auch veganerin. Tatsächlich aus Tierschutz gründen. Aber ich finde es überhaupt nicht schlimm wenn jemand einfach aus gesundheitlichen Gründen oder weil es besser schmeckt Veganer ist. Generell ist es mir egal was andere essen, solange man mich in Ruhe lässt.

  • #5

    Dahlia (Freitag, 20 Juli 2018 14:12)

    Ich finde es unmöglich im Jahr 2018 noch Fleisch zu essen. Wie verbohrt muss man da sein? Veganismus ist der einzige Weg um noch ein bisschen was von der Welt zu haben für Kinder und Enkel

  • #6

    Ellie (Freitag, 20 Juli 2018 14:20)

    Ich finde es schade das Ist ein sehr interessantes Thema mal wieder. Oh liebe die Reihe „Ehrlich nachgefragt“ sehr. Sie hält den Finger in die Wunde bei themen die einen brennend interessieren, wo man aber selbst zu feige ist sich mit auseinander zusetzen...

  • #7

    Anderl (Freitag, 20 Juli 2018 19:35)

    Super Beitrag! Und die kochehre ist weniger wegen eines veganers dahin als vielmehr das die Vertreter dieser Zunft oftmals wahnsinnig anstrengend sind. Sie kommen mit einer Arroganz daher, das man sich fragt woher sie diese nehmen. Schade eigentlich.